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Die Harmonie der Obertöne

Kulturforum Die Harmonie der Obertöne

Es ist in vielfacher Hinsicht eine Zeitreise, die man am Sonntag im gut besuchten Kulturforum Kiel erlebt. Ganz leibhaftig sitzt hier mit dem Bandoneon-Spieler Raúl Jaurena ein Veteran des Tangos auf der Bühne. Überdies bildet Astor Pizzollas Suite Historia du Tango den Ausgangspunkt für sein Duo-Konzert mit dem Lübecker Klarinettisten Bernd Ruf.

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Perfekt harmonierendes Duo: Raul Jaurena (links), ein Weggefährte Astor Piazollas, und der Lübecker Bernd Ruf.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Ursprünglich für die Besetzung Flöte und Gitarre geschrieben, kommt in der Interpretation des Jaurena Ruf Projects deutlich mehr Luft ins Spiel. Die Kontraste zwischen Bandoneon und Klarinette scheinen in ihrem Verlauf immer mehr zu verschwimmen. Hört man mit geschlossenen Augen zu, könnte man den Eindruck gewinnen, einem einzigen Instrument zu lauschen.

 Und genauso ist es gewollt. Begeistert berichtet Ruf zwischen den Stücken, wie wunderbar sich die Obertöne beider Instrumente verbinden würden. Dass in diesem speziellen Sound nicht nur der Tango, sondern unüberhörbar auch Musikrichtungen wie Klassik und Klezmer präsent sind, ist ebenfalls kein Zufall. Skizzieren die Stationen von Piazzollas Suite die Entwicklung des Tangos von einem streng definierten Genre zu einer in alle Richtungen offenen Musik, reizt das Jaurena Ruf Projekt diese Offenheit heute bewusst aus. Wenn Ruf seine Klarinette fröhlich jubilieren lässt, weiß man, warum er in Lübeck als Professor für Popularmusik, Jazz und Weltmusik lehrt. Wenn Jaurena virtuos auf dem Bandoneon improvisiert, atmet die Musik die Freiheit, zu der ihr Piazzolla einst verholfen hat. Für Puristen ist das nichts, aber die sind im Publikum auch nicht vertreten.

 Während es musikalisch also relativ grenzenlos zugeht, zeigt sich Bernd Ruf in seinen Moderationen als leidenschaftlicher Didaktiker, der den Tango von allen einen Seiten zeigen möchte. Er analysiert Piazzollas Musik, berichtet von den Zeiten, als dieser sich mit Jaurena in Chile das Appartement teilte und der Entwicklung seiner eigenen Zusammenarbeit mit dem heute 74-jährigen Musiker. Dieser hält sich die meiste Zeit des Konzertes zurück, verbeugt sich würdig, kommt aber schließlich doch einmal in Plauderlaune, erzählt von der Geschichte seines Instruments und geht dann im Alleingang auf eine eindrucksvolle Klangfarbenreise.

 Neben Stücken von Piazzolla stehen an diesem Abend auch viele von Jaurena auf dem Programm. Eines ist eine musikalische Erinnerung an den Frühling in seiner Heimatstadt Montevideo, in dem in Uruguay bereits herbstliche Winde wehen, die Ruf durch sonores Klarinettenspiel beschreibt. So vergeht das kammermusikalisch intime Konzert im Flug. Und als zur zweiten Zugabe auch noch zwei Pärchen am Saalrand zu tanzen beginnen, kommt tatsächlich noch ein Hauch von Milonga-Feeling auf.

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