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Wenn die weißen Fahnen wehen

Kunstaktion zum Kriegsende vor 70 Jahren Wenn die weißen Fahnen wehen

„Es gibt kein Erinnern ohne die Gegenwart, auf die es verweist“, sagt Ute Jürß über ihr Kunstprojekt Zwischen den Zeiten, für das sie intensiv und ausdauernd recherchiert hat. Zwischen 1500 und 2000 Statements auf ihre Frage „Was heißt Frieden“ hat sie seit Dezember des vergangenen Jahres eingesammelt.

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Feldmarschall Wilhelm Keitel, Oberkommandierender der Wehrmacht (1938-45), unterschreibt in Berlin-Karlshorst die Kapitulations-Urkunde der deutschen Wehrmacht.

Quelle: dpa (Archiv)

Kiel. Dabei hatte die Lübecker Künstlerin die Kieler Nachrichten als Kooperationspartner von Beginn an ihrer Seite. Auf der Website unserer Zeitung liefen die auf vier Worte limitierten Antworten ebenso ein, wie beim Kulturministerium des Landes, das an der Realisierung unmittelbar beteiligt ist.

Von Sonnabend an werden ausgewählte Antworten auf weißen Flaggen nachzulesen sein. Jeder Einsender kann seinen Beitrag – natürlich anonym – zudem in den pdf-Dateien wiederfinden, die in diesen Online-Artikel eingebunden sind.

Antworten 2,19 MB

Und natürlich unübersehbar in der Stadt Kiel: Vor allen Ministerien und auf dem Landtagsgebäude wird jeweils die weiße Parlamentärflagge, als Schutzzeichen für die Verhandlungsführer flankiert von zwei weiteren: Eine davon ist bedruckt mit den faksimilierten handschriftlichen Antworten auf die Frage „Was heißt Frieden?“

Die dritte trägt Schlagzeilen oder Textfragmente des „Kieler Nachrichtenblatts der Militärregierung“ aus der zweiten Jahreshälfte 1945. Gefunden in den Archiven der Kieler Landesbibliothek.

Fahnen 1,73 MB

Ute Jürß ist es in diesen Tagen des allgegenwärtigen Gedenkens des Kriegsendes vor 70 Jahren ein Anliegen, mit einer künstlerischen Intervention ein Zeichen zu setzen. Mit ihren Textbildern kann und will sie nicht plakative Erklärungen abliefern, sondern „etwas anstoßen über die Irritation der Wahrnehmung“. Ein künstlerischer Vorgang mit Signalwirkung, soviel ist sicher. Am kommenden Montag, am 4. Mai, wird sie ihr Projekt zudem im Landeshaus öffentlich vorstellen.

„Es gibt kein Erinnern ohne die Gegenwart, auf die es verweist“, sagt Ute Jürß über ihr Kunstprojekt Zwischen den Zeiten. Foto Dahl

„Es gibt kein Erinnern ohne die Gegenwart, auf die es verweist“, sagt Ute Jürß über ihr Kunstprojekt Zwischen den Zeiten. Foto Dahl

Quelle:

Überrascht hat sie bei „ihrer Bürgerbefragung“ die Ernsthaftigkeit, mit der sich der Fragestellung angenommen wurde. Jürß interviewte Schüler der 10. Klasse der Wellingdorfer Theodor-Storm-Gemeinschaftsschule, fragte bei THW-Spielern nach, bei Mitgliedern der Jüdischen und der Türkischen Gemeinde, bei der evangelischen Kirche, bei Sinti und Roma, bei der Marine, unter Museumsbesuchern oder an der Kieler Universität.

„Kinder können Blumen pflücken / Neuschnee in stiller“ sind eher poetische Beispiele; „einander mit Achtung begegnen / gewaltfreies Miteinander“ sind eher nüchterne Statements. Und Ute Jürß konstatiert Unterschiede: Die Jungen hätten Frieden immer wieder als Gegenentwurf zu Rassismus, Ausgrenzung und Vorurteilen genannt; die Älteren hätten ihren Begriff von Frieden vor dem Hintergrund eigener Kriegserlebnisse formuliert. In Briefen haben sie der Künstlerin vom Leben in den Ruinen erzählt. „Bei manchem, was ich da las, wusste ich, dass da ganz tief noch unglaublich viel sitzt.“

Vieles wird in diesen Tagen des Gedenkens wieder ans Licht kommen. 1985, als die Kieler Nachrichten ihre Leser als Zeitzeugen zum 40. Jahrestag des Kriegsendes befragten, war auf einer Sonderseite eine knappe Schilderung nachzulesen: „Der Wahnsinn des Krieges offenbart sich zum letzten Mal. Am 4. Mai heulen um 1.30 Uhr nocheinmal die Sirenen. Für Kiel ist es der 633. Vollalarm. Aber es fallen keine Bomben mehr. Um 2.50 Uhr Entwarnung. Als die Marine die Verpflegungslager freigibt, setzt ein einzigartiger Sturm auf die Vorräte ein. Kinder sind hinterher ob der ungewohnt fetten Verpflegung krank.“

Alle Einsendungen auf die Frage „Was heißt Frieden?“ sind im Kieler Landeshaus in einer Ausstellung dokumentiert. Einzelne Statements werden bis zum 8. Mai täglich auf der Kulturseite unserer Zeitung abgedruckt. Die weißen Flaggen wehen vor allen Ministerien in Kiel und auf dem Dach des Landeshauses.

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Flaggenprojekt zum Jahrestag
Foto: 8. Mai 1945: Feldmarschall Wilhelm Keitel, Oberkommandierender der Wehrmacht, unterschreibt in Berlin-Karlshorst die Kapitulations-Urkunde der deutschen Wehrmacht.

Können Sie in ein bis vier Wörtern sagen, was Frieden für Sie bedeutet? Die Lübecker Künstlerin Ute Friederike Jürß fragt nach und setzt auf die Leserinnen und Leser unserer Zeitung.

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