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Aus den Füßen kommt die Stimme

Kunstflecken Aus den Füßen kommt die Stimme

Eigentlich sei es ganz einfach, das Rezept für ein glückliches, erfüllendes Leben, sagt Gasandji. „It's so easy: you give, you receive.“ Ein Geben und Nehmen also. Wie beim fulminanten „Kunstflecken“-Konzert der kongolesischen Sängerin, das vor gegenseitiger Zuneigung und Hochgefühl nur so glühte.

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Ihr Charisma füllte die Neumünsteraner Werkhalle bis in die kleinste Ritze: Gasandji.

Quelle: bos: Björn Schaller

Neumünster. Für Menschen wie Gasandji wurde das Wort Energiebündel erfunden. Ihr Charisma füllt die Halle bis in die kleinste Ritze. Singt sie mal nicht mit diesem kräftigen, klaren und beweglichen Sopran, dann tanzt sie zu den oft synkopischen, komplexen Rhythmen. Gleitet geschmeidig auf glatten Sohlen, stampft kräftig auf, rudert mit den Armen, lässt die Schultern zucken, schwingt die Hüften, schüttelt sich, strahlt und sprüht vor überbordender Lebensfreude. Anders natürlich, verhaltener, aber nicht weniger intensiv bei den Balladen wie dem atmosphärischen Lobiko oder dem ergreifenden, zunächst getragenen und sich später beschleunigenden Nani, das sie nach dem Tod ihres Vaters komponiert hat. Einen Bass braucht es nicht, der ausgezeichnete Gitarrist Abdoulaye Kouyaté zupft einfach auf den dickeren Saiten, wenn tiefe Töne gebraucht werden. Großartig ist Marien Thibault, die ihre Querflöte virtuos und vielfarbig schillern lässt.

 Afro-Pop, Jazz, dazu ein wenig Soul und Reggae mischen sich in ihren Liedern. Die meisten davon singt Gasandji, seit ihrem 14. Lebensjahr in Frankreich beheimatet, in ihrer wohlklingenden Muttersprache Lingala, nur hin und wieder auf Französisch. Ans Publikum richtet sie sich in Englisch, auch als sie von ihrem ersten Eindruck von Neumünster erzählt: „beautiful town, very, very pretty“. Laut lachen da einige auf, die das offenbar etwas anders sehen, und Gasandji lacht mit, höflich und vielleicht auch ein wenig irritiert. Immer wieder animiert sie während des Konzerts das Publikum zum Mitsingen. Ihre Stimme komme aus den Füßen, da sollen die Zuhörer ihre auch herholen. Wieder lachen ein paar, da wird Gasandji streng: „Don’t smile, this is very serious!“ Und die Unterweisung hilft, während Gasandji singend ihre linke Hand von den Füßen Station für Station den Körper hoch wandern lässt, singt die Menge den Chorus tatsächlich immer lauter und kräftiger.

 Schon im des regulären Set ist die Atmosphäre emotional stark aufgeladen – mehrfach hatte Gasandji angesichts der euphorisierten Menge ein freudiges „Isch-liebe-disch“ in den Saal gerufen. Zur Zugabe brechen die Dämme. Marine Thibault hat gerade mit Gasandji im Duett eine traurige, fast verzweifelte Ballade gesungen, beide Frauen haben sich umarmt, da muss sich die Flötistin verstohlen Tränen aus den Augenwinkeln wischen. Noch beim Flötensolo gleich darauf rinnen Tränen über ihre Wangen. Auch Gasandji vergießt ein paar Freudentränen, als sich das Publikum nach dem letzten Song, dem sich sanft wiegenden Libela, zu stehenden Ovationen von den Plätzen erhebt, um ein vom Wunsch der Künstlerin nach Frieden und Völkerverständigung getragenes Konzert zu belohnen. „Die, die das Bewusstsein weckt“, heißt Gasandji übersetzt. Kann man so stehen lassen.

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