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Höhere Wesen befahlen

Kunsthalle Kiel Höhere Wesen befahlen

Sie ist komplett neu aufgemischt: Die Sammlung der Kieler Kunsthalle präsentiert sich jetzt aus einem komplett neuen Blickwinkel. Kurator Peter Thurmann ließ sich in seiner Auswahl von verücktesten Kräften treiben.

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Selten gezeigt: Das Gemälde „The Hobbyist“ des polnischen Malers Edward Dwurnik aus dem Jahr 1982.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Unten im Erdgeschoss der Kunsthalle treibt Via Lewandowsky mit seiner hintersinnigen One-Man-Show Hokuspokus sein irrwitziges Spiel. So verstörend, so gespenstisch, bisweilen böse, dann wieder zauberhaft und überraschend, dass sich Kunsthallenkurator Peter Thurmann für die Neueinrichtung der Sammlung davon anstecken ließ.

Höhere Wesen befahlen lautet nach dem berühmten Gemälde Sigmar Polkes der Titel seiner Auswahl, die bis Mitte Februar des kommenden Jahres zu sehen sein wird. Höhere Wesen befahlen, rechte obere Ecke schwarz malen hieß die vollständige Inschrift auf besagtem Polke-Bild, mit dem der Maler so leichtfüßig wie ironisch den Geniekult kommentiert. „Denn darum geht es“, sagt Peter Thurmann, der für die Neueinrichtung wieder ganz tief im großen Fundus gegraben hat. „Ausgehend von Lewandowskys verrückter Weltsicht habe ich mir die Frage gestellt, wo sie eigentlich herkommt, die Eingebung des Künstlers, woraus er schöpft.“ Das Ergebnis solchen Sinnens ist eine frisch aufgebürstete Präsentation, die sich immer wieder ironische Seitenblicke erlaubt und dem Magischen, dem Imaginären und dem Doppelbödigen Raum gibt.

„Vom Himmel“ ist der erste Raum des Altbaus überschrieben, der das älteste Gemälde der Sammlung, die Flucht nach Ägypten eines anonymen süddeutschen Meisters, auf Baselitz, Ringelnatz und Heckel treffen lässt. Was gestern noch als Provokation galt, nämlich einer Ständigen Sammlung Chronologie und Ordnung nach Stilepochen zu verweigern, ist heute State of the Art. Sicher, sagt Kunsthallendirektorin Anette Hüsch, wenn die Noldes oder die beliebten russischen Wandermaler nicht dabei seien, gäbe es schon mal einen „Eintrag“ ins Besucherbuch. Den jährlichen Stimmungswechsel stellt das aber definitiv nicht in Frage. Im Gegenteil, Peter Thurmann hat sichtlich Spaß daran, die Bildersäle mit einem Motto zu versehen, dass den Betrachter auf eine andere Spur bringen soll. Exotisch kann die sein, artistisch, verzaubert, grotesk, wilddramatisch, sagenhaft-märchenhaft, augentäuschend oder auch schicksalhaft.

Ob es denn wirklich exotisch sei, wenn Asger Jorn die blaue Salondame seines Gemäldes Choux mit gestischer Spur eine Maske vors Gesicht setzt, sei von Kunstgeschichtsstudenten gefragt worden. In der Tat sind die Etiketten weniger Gebrauchsanweisungen als Serviervorschläge für den Betrachter. Und der kann immer wieder Entdeckungen machen. Das großformatige Gemälde The Hobbyist des Warschauer Malers Edward Dwurnik, das im „grotesken“ Saal neben Johannes Grützkes Selbstporträt-Grimassen hängt, wurde so gut wie nie gezeigt.

Alles neben der Spur: Dieses Grundgefühl bei Via Lewandowsky – Anette Hüsch findet es auch in der Auswahl wieder. Im Raum mit Florian Slotawas Kieler Sockel zum Beispiel, der an die von Dirk Luckow kuratierte Ausstellung No Money aus dem Jahr 2005 erinnert. Slotawa hatte damals Inventar aus dem Museum in Besitz genommen, aus Mobiliar Sockel gefügt und sie mit Werken aus dem Skulpturen-Magazin kombiniert. Ein schelmischer Kunstgriff, der dem schwarzen Stuhl oder dem grauen Aktentisch plötzlich Erhabenheit verleiht. Magisch.

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