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Geschichten vom Balkan

Literatursommer Geschichten vom Balkan

„Alles im Leben ist eine Brücke“: Das Zitat aus dem Roman des Literaturnobelpreisträgers Ivo Andric begleitet den Literatursommer, der sich Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Serbien widmet. Organisatorin Sara Dusanic vom Literaturhaus gibt Einblick in eine spannungsvolle Literaturregion.

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"Die Grenzen verfließen auf dem Balkan", sagt Sara Dusanic, die den Literatursommer Schleswig-Holstein organisiert hat.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Der Literatursommer richtet den Blick diesmal auf Bosnien-Herzegowina, Serbien und Kroatien. Sie kommen selbst aus der Region; lag Ihnen das Thema besonders am Herzen?

Die Idee kam gar nicht direkt von mir, auch wenn ich immer mal wieder Autoren von dort auch für das allgemeine Literaturhaus-Programm ausgesucht habe. Nach drei nordischen Ländern und im letzten Jahr der Schweiz wollten wie den Blick einfach in eine neue Richtung lenken. Und im Gespräch mit den Kooperationspartnern im Land kam auch der Gedanke an Serbien auf. Beim Recherchieren hat sich das auf Kroatien und Bosnien-Herzegowina erweitert. Es ist einfach sinnvoll, die drei Länder zusammen zu präsentieren. Sie haben Kriege geführt - aber sie haben eben auch eine gemeinsame Geschichte.

Aus diesen drei Ländern haben sie sechs Autoren eingeladen – aber direkt zuordnen lassen sie sich kaum. Die Grenzen sind fließend.

Ja, einer wie Miljenko Jergovic ist als bosnischer Schriftsteller in Sarajevo geboren, lebt aber seit 1993 in Zagreb und schreibt auf Kroatisch. Dzevad Karahasan ist bosnischer Muslim und mit einer orthodoxen Serbin verheiratet. Was alle verbindet, ist die Sprache. Dass jedes Land aus der Nationalität heraus seine eigene Sprache beansprucht hat, ist in meinen Augen eine rein politische Entwicklung. Für mich ist sie ein und dieselbe, auch wenn es dialektale Unterschiede gibt.

Erleben Sie das auch in ihrer eigenen Biografie?

Ich habe die fließenden Grenzen in der Familie. Meine Mutter kommt aus Belgrad, wo ich auch geboren bin, mein Vater ist Serbe aus Bosnien. Für mich wieder ist Deutsch die Muttersprache, ich bin hier aufgewachsen – und Serbisch spreche ich mit deutlichem Akzent. Aber ich glaube, das ist dort bei jedem, weil in der Region schon immer viele Kulturen zusammengelebt haben. Es ist schade, dass diese Unterschiede für einen politischen Konflikt missbraucht wurden. Das beschäftigt eigentlich auch alle unserer Autoren. Da spürt man, wie nationale Identitäten verwischen. Auch wir wollten das Programm nicht von den Nationalitäten her denken, sondern das Fließende der Grenzen zeigen und eine Region präsentieren, die eine spannende Literatur hervorgebracht hat.

Auch eine sehr politische Literatur …

Ja, das stimmt. Dzevad Karahasan führt in seinem Epos in das zerfallende Seldschukenreich im 11. Jahrhundert und spannt von da den Bogen ins Heute, zeigt Parallelen im Entstehen des religiösen Radikalismus. Jergovic erzählt in seiner Familiengeschichte auch viel vom Alltag in Jugoslawien, ohne in Jugo-Nostalgie zu verfallen. Im Mafia-Thriller münzt Vladimir Kecmanovic die ethnischen Unterschiede zum ironischen Spiel um. Und bei Barbi Markovic hat das einen feministischen Gestus, wenn sie aus der Perspektive der Fremden von vier Frauen erzählt, die als Migrantinnen in Wien leben und einen Kapitalismus erleben, an dem sie selber nicht teil haben.

Das sind Geschichten, die direkt an die Zeit andocken …

Man findet in diesen Büchern tatsächlich die Probleme der Gegenwart angesprochen: fundamentalistischer Terror, wachsender Nationalismus. Und der Flüchtlingsstrom vor zwei Jahren erinnert an den aus dem Balkan-Krieg 1992, 93. Die Region und ihre Geschichte ist uns also viel näher, als wir vielleicht glauben.

Sind politische Unruheherde wie das Kerngebiet des ehemaligen Jugoslawiens, Krieg und Gewalt für die Literatur ergiebig?

Die Frage müsste man eigentlich den Autoren stellen. Die Region hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich, nicht erst nach dem Ende Jugoslawiens. Das gilt auch für die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges. Ivo Andric, der Literaturnobelpreisträger, der dem Literatursommer das Motto gibt, erzählt unter anderem in seinem Roman Die Brücke über die Drina davon.

Im Programm aber kommt Andric nicht vor   ....

Ein Wermutstropfen. Aber am Ende hatten wir einfach zu viele Ideen und Autoren und mussten auf einiges wieder verzichten. Aber wir haben ihn als literarischen Brückenbauer im Hinterkopf. Mit dem Verleger Lojze Wieser, der der Region und ihrer Literatur seit Jahrzehnten ein Forum gibt, und einem Autor wie Karahasan decken wir das Themenspektrum trotzdem gut ab.

Etliche der geladenen Autoren leben ja auch in Deutschland oder Österreich.

Ja, und Slavenka Drakulic lebt sehr lange schon in Schweden. Karahasan pendelt zwischen Sarajevo und Graz. Kecmanovic und Jergovic sind die einzigen, die in Serbien und Kroatien leben und von dort schreiben. Das hat den Vorteil, dass die meisten Autoren auch sehr gut Deutsch sprechen.

An welchem Buch oder Autor sind Sie während der Vorbereitung als erstes hängen geblieben?

Das war Murat Baltic. Ein Autor, der mir vollständig unbekannt war. Er ist im Grenzgebiet von Serbien-Montenegro geboren, lebt aber schon seit vielen Jahren in Deutschland. In seinem Buch treffen Roma aus dem Kosovo auf einen Verwaltungsbeamten in der Ausländerbehörde, der seinen Sohn im Kosovo-Krieg verliert. Baltic erzählt davon erstaunlich amüsant, dreht gängige Klischees einfach um. Er verbindet das Schicksal der Roma in Europa mit der Flüchtlingskrise und zeigt, was Flucht mit den Menschen macht. Und er schafft Empathie für die Menschen. Es war aber vor allem die Sprache, die mich bei Baltic sehr mitgenommen hat.

Und was ist für Sie ausschlaggebend, um ein Buch zu mögen?

Das ist der Ton, der Erzählton. Es geht mir weniger um das Thema; wenn eine gute Erzählstimme da ist, die mich packt, dann ist das für mich ein Zeichen für gute Literatur. Ich mag aber auch das Experiment. Wenn Autoren ein Wagnis eingehen, mit der Form spielen. Im ehemaligen Jugoslawien wäre das jemand wie der 2009 verstorbene Milorad Pavics Landschaft in Tee gemalt. Das Buch lässt sich wie ein Kreuzworträtsel lesen und der Leser entscheidet, wie er es liest – waagrecht oder senkrecht.

Eröffnung, Di, 25. Juli, 19 Uhr, Schloss Gottorf. Mit Lojze Wieser und Dzevad Karahasan. Beide lesen und sprechen auch am Mi, 26. Juli, 19 Uhr, in Kiel im Literaturhaus, Alter Botanischer Garten. www.literaurhaus-sh.de

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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