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Volle Stimmen, leere Gläser

La Traviata Volle Stimmen, leere Gläser

Weil in Giuseppe Verdis La Traviata so leidenschaftlich geliebt und gelebt wird, vergisst man rasch, dass es in diesem Opernklassiker von Anfang an ums Sterben geht. In ihrer Inszenierung am Schleswig-Holsteinischen Landestheater erinnert Ini Gerat den Zuschauer am Sonntag in Flensburg hieran, indem sie den Tod in der Anfangsszene als schwebende Papiermaske erscheinen lässt, die entfernt einem Rorschachtest gleicht.

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In ihrer Verkörperung der Violetta Valéry festigt Elvira Hasanagić ihren Ruf als hell strahlender Stern des Landestheaters.

Quelle: Landestheater Flensburg

Flensburg. Violetta Valéry schaut ihm ins Gesicht, bevor sie in ihrem Salon die Korken knallen lässt. So steht schon einmal fest: Wer einen solchen Begleiter an seiner Seite weiß, für den bedeutet auch die Flucht ins wilde Leben einen Kraftakt.

Die aus dieser Konstellation resultierende Dynamik der Oper könnte sich noch besser entfalten, wenn auf Valérys Fest nicht allzu offensichtlich aus leeren Gläsern und Flaschen getrunken werden würde. Hier wie auch in den folgenden Bildern entsteht der Eindruck, dass die Regisseurin einerseits sehr konsequent auf eine saubere Umsetzung des viel gespielten Stoffs setzt, dass eben diese Sauberkeit aber stellenweise auch zum Fallstrick wird. Manfred Kaderks auf ein Halbrund mit Klapptüren reduziertes Bühnenbild schafft einen in viele Richtungen nutzbaren Freiraum, der gut zu Martina Lüpkes elegant zeitlosen Kostümen passt. Er funktioniert als Krankenzimmer ebenso wie als Partymeile. Aber um deren Überzeugungskraft zu steigern, müsste es hier eben nicht nur fröhlich, sondern auch ein bisschen feuchter zugehen.

So sind es vor allem die Sänger, die dem Auftakt der Oper das Leben einhauchen. In ihrer Verkörperung der Violetta Valéry festigt Elvira Hasanagić ihren Ruf als hell strahlender Stern des Landestheaters. Frappierend selbstverständlich meistert sie die Schwierigkeitsgrade ihrer Partie, offenbart dunkel-kehlige Tiefen, energiereiche Höhen und die Wechsel zwischen den Extremen mit wunderbarem Flow. All dies könnte sich auch an größeren Häusern problemlos hören lassen. Preise dein Glück, gesegnetes Flensburg!

An ihrer Seite lässt Junghwan Choi seinen geschmeidigen Tenor lustvoll und frei blühen. Sein Alfredo ist vor allem dem lyrischen Schönklang verpflichtet, hier und da blitzt aber auch immer mal wieder heldische Autorität auf. Auf der Basis dieser Qualitäten begegnen sich die beiden Sänger durchaus auf Traumpaar-Niveau, was sich später auch im Applaus spiegeln wird.

Vor dem Hintergrund von so viel schönem Gesang passt es gut, dass Predrag Stojanović seinen Bariton ab dem 2. Akt kontrastvoll dazwischendonnern lässt. Unüberhörbar ist mit Giorgio Germont nicht zu spaßen, und sein im Ausdruck so intensives wie im Gesang exorbitantes Drängen verleiht der Landhaus-Szene jene Vitalität, die ihr aufgrund der eher defensiven Personenregie sonst fehlen würde. Oft wirken die Sänger hier alleingelassen und stützen sich auf die Fleh- und Verzweiflungsgesten, die man eben so auf Lager hat. Die Idee, die kurze Idylle durch ein Tuch mit floralen Motiven zu symbolisieren, das die zum Bruch mit Alfredo überredete Violetta dann folgerichtig beseitigt, ist gut. Zuerst Regisseur hatte sie Willy Decker in seiner Salzburger Traviata von 2005.

Im angenehm klar ausgearbeiteten Finale kommt mehr Fahrt auf. Vor allem fasziniert aber hier, wie glücklich alle musikalischen Kräfte zusammenwirken – von den optimal besetzten Nebenrollen (besonders Viktoria Loutskaja als Annina, Ansgar Hüning als Barone Douphol, Camilla Lehmeier als Flora und Jorge Martinez Mendoza als Dottore Grenvil) bis hin zum konzentriert tönenden Oper- und Extrachor des Landestheaters. Und im Orchestergraben verleiht Peter Sommerer mit seiner sportiven Lesart der Partitur und seinen hellwachen Musikern jeder Note Brio. Sehr großer Applaus für eine szenisch plausible, musikalisch überragende Traviata.

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