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Gottorfs Weg auf den Zarenthron

Landesbibliothek in Kiel Gottorfs Weg auf den Zarenthron

Es sind komplizierte dynastische und machtpolitische Überlegungen, die den Gottorfer Herzog Peter Ulrich 1762 auf den russischen Zarenthron brachten. Die Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek wirft in ihrer Ausstellung "Zar Peter III. und Katharina II." einen Blick in die Geschichte.

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Landesbibliotheksleiter Jens Ahlers und Martin Schulz vom Zarenverein mit einem Modell vom Kieler Schloss.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. „Wirklich hübsch, liebenswürdig und wohlerzogen“: Bei der ersten Begegnung auf dem Familienfest in Eutin im August 1739 machte der elfjährige Peter Fedorowitsch, Herzog von Holstein-Gottorf, Großfürst und Thronfolger des russischen Reiches, auf seine Großkusine Sophie von Anhalt-Zerbst durchaus Eindruck. Wenn man den Schriften der späteren russischen Zaren Katharina die Große glauben darf. Und so vorurteilsfrei erscheint auch die Eutiner Gartenidylle der Malerin Elena Orlova-Afinogenova, die nun die Ausstellung Zar Peter III. und Katharina II. von Russland in der Landesbibliothek bereichert.

Die verdeutlicht anhand von Kartenmaterial, Krönungsschriften, Berichten und Gemälden den Weg der Gottorfer Dynastie auf den Zarenthron und die verwickelte Vorgeschichte von Peters kurzer Herrschaft. Eine Beziehung, die Kiel für einige Jahre die russische Gunst einbrachte und als „zehnjährige Glückseligkeit“ in die Geschichte einging. „Es ging um die Souveränität des Herzogtums, den Erhalt des Geschlechts“, erklärt Jens Ahlers, Leiter der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek, die Motivationen. Da rückt das kleine Herzogtum Gottorf im 18. Jahrhundert für einige Jahrzehnte in den Blick des Zarenreiches, Außenposten im Großen Nordischen Krieg gegen die schwedische Großmacht. Und den Gottorfern, die schon lange bemüht waren, sich vom dänischen König unabhängig zu machen, musste Russland auf diesem Weg als machtvoller Partner erscheinen. Den eigenen reichhaltigen Fundus ergänzen Leihgaben aus Eutin, vom Landesarchiv in Schleswig und dem Förderverein Katharina II. in Zerbst, der in diesem Jahr sein 25. Jubiläum feiert und mit dem Kieler Zarenverein als Kooperationspartner dabei ist.

„Peter III. ist in dem Machtkampf zwischen die Fronten geraten“, sagt Ahlers. Dabei begann die russische Herrschaft des Schleswig-Holsteiners durchaus vielversprechend. „Er hat den Siebenjährigen Krieg beendet“, erklärt Martin Schulz vom Kieler Zarenverein, „die Geheimkanzlei abgeschafft und begonnen, den Kirchenbesitz zu säkularisieren.“ Seine Begeisterung aber für das preußische Militärwesen kam in Russland weniger gut an. Und auch in den Augen von Katharina, die der in Kiel geborene Enkel Peters des Großen 1745 geheiratet hatte, war der Glanz bald verblasst. Für Peter III. endete die Ehe, die lange auf einen Thronfolger warten ließ und von den wechselnden Liebschaften Katharinas beschattet war, tödlich. Ein halbes Jahr nach der Regierungsübernahme 1762 ließ Katharina Peter per Staatsstreich in Haft nehmen, wo der Zar einige Wochen später unter ungeklärten Umständen starb.

Als Prunkstücke der Ausstellung sind die Schlachtenpläne von Tönning im Nordischen Krieg zu sehen, nach Kopenhagen die zweitgrößte Festung der Dänen, und außerdem die prächtige, sonst in Eutin lagernde Gottorfer Stammtafel. Skizzen vom Neubau der Kieler Universität, die 1764, ein Jahr vor ihrem 100. Geburtstag, kurz vor der Schließung stand, weil Gebäude zusammenbrachen und Studenten und Professoren wegblieben, belegen Einsatz Katharinas, die über Caspar von Saldern die Erneuerung der Lehranstalt betrieb. Und die engen Bande macht auch eine Anordnung deutlich, die zur Hochzeit Peters und Katharinas im fernen Moskau die ausnahmslose Illumination Kiels dekretierte.

„Katharina ist praktisch die Retterin der Kieler Universität“, so Ahlers, „sie hat hier enorm viel Geld investiert.“ Für die Zarin war das kleine zerrissene Herzogtum ein Tauschobjekt in der Gottorfischen Frage, die sie per Gebietsaustausch löste. Ein Gedanke, den Peter III. strikt abgelehnt hatte. Nachdem Russland 1773 auf seinen Außenposten in Holstein verzichtet hatte, fiel das Herzogtum wieder an Dänemark.

Bis 9. Juli in der Landesbibliothek, Di-Fr 11-17 Uhr, So 11-17 Uhr. Sartori-und-Berger-Speicher, Wall 47/51. www.shlb.de

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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