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Primzahlen sind wie das Leben

Mark Haddons „Supergute Tage“ im Landestheater Primzahlen sind wie das Leben

Eine in Quadrate unterteilte Wand wie bei Tetris, dem Denkspiel aus der Computerfrühzeit. Dazu ein paar variable Podeste und Kisten, die als Hocker, Treppenabsatz oder Rhythmusinstrument taugen – das ist schon mal kein schlechtes Bild für die Welt, wie Christopher Boone sie sieht.

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Bühnenreife U-Bahn-Fahrt: (v.li.) Johannes Lachenmeier, Neele Maak, Deniz Ekinci, Flavio Kiener, Melina von Gagern, Christian Simon.

Quelle: *

Schleswig. Als Summe ihrer Teile, die sich nicht immer zum Ganzen fügen. Wie Primzahlen erscheint dem Jungen mit dem Asperger-Syndrom das Leben – weil Primzahlen übrigbleiben, wenn alle Muster entfernt sind. Solitäre ohne Zusammenhang. Die Erinnerung an die Mutter, die angeblich gestorben ist, weil mit ihrem Herzen etwas nicht in Ordnung war, fühlt sich so an. Und der tote Hund der Nachbarin, den Christopher eines Morgens im Garten entdeckt. Von da aus entwickelt sich die Detektiv- und Entwicklungsgeschichte, die Mark Haddon in seinem Bestseller Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone erzählt.

 Als flottes Spiel mit den Bruchstücken der Welt zettelt auch Regisseurin Franziska-Theresa Schütz mit ihrem Ensemble vom Landestheater im Slesvighus das Stück an, das der britische Erfolgsdramatiker Simon Stephens aus Haddons Roman extrahiert hat. Sechs Schauspieler toben da über die Bühne (Stephan Testi), durch wechselnde Rollen und Perspektiven. Das hat originelle Einfälle, wenn die sechs in der imaginären U-Bahn auf imaginären Handys herumwischen, wirkt ein andermal leicht holzschnitthaft – oder ist einfach so grell und überlaut, wie Christopher die Welt erlebt. Den spielt Flavio Kiener als Strubbelkopf im roten Sweatshirt, mit intensiv nach innen gerichtetem Blick und eckiger Bewegung. Dabei zeigt Kiener, der auch schon als Gast in Der goldene Ronny eine gute Figur machte, weniger den Sonderling als einen Teenager, der die Welt deshalb nicht begreift, weil ihm die Erwachsenen nur die halbe Wahrheit sagen. Der so bemühte wie herzlich überforderte Vater (Johannes Lachenmeier), die verkorkste Mutter (Melina von Gagern), die munkelnden Nachbarn. Und die durchaus mitfühlende Lehrerin (Neele Maak) hat vor allem das Mathegenie im Blick.

 Zwischen Sozialdrama und Entwicklungsgeschichte führt Christopher seine „Ermittlung“ („Hunde sind auch wichtig!“) durch, befragt Leute, zieht Schlüsse und entdeckt Geheimnisse. Und nach einem Streit mit Vater Ed macht er sich auf den Weg nach London – was eine ziemliche Leistung ist für einen, der sich im normalen Leben oft fühlt wie auf einem Hochhaus, von wo ihm Tausende von Häusern und Autos und Menschen den Kopf schwirren lassen. Flavio Kiener und Co. bringen das herzerwärmend rüber. Und spielen mit ihrer Spielfreude die leise Tendenz zum Modellhaften einfach weg.

 Weitere Aufführungen am 16. 9., 17. 10., 26. 11. RD; 28. 9. SL; 29. 9., 7. 10., 16. 11. FL. www.sh-landestheater.de

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