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Edith Piaf in Flensburg

Landestheater Edith Piaf in Flensburg

Erstmal ist da diese Stimme, unfertig, aber kraftvoll und eindringlich, wie sie die Marseillaise heraussingt und die Menschen ihr einfach zuhören müssen. In Olivier Dahans Biopic La vie en rose (2007) über das Leben von Frankreichs Chanson-Ikone Piaf ist das eine Schlüsselszene, der Auftritt des Mädchens Edith in den schmuddeligen Straßen von Belleville; und Miguel Cartagena nimmt sie zum Ausgangspunkt für sein Tanztheater Piaf, das vom Premierenpublikum am Landestheater in Flensburg rauschend gefeiert wurde.

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Auf der Höhe ihres Erfolgs wird sie auf Händen getragen: Edith Piaf (Anja Herm).

Quelle: Landestheater

Flensburg. Alles ist Auftritt in dem Stationendrama, das Cartagena auf der Basis von Edith Piafs Autobiografie kondensiert hat. In knappen Szenen geht es durch das wilde Leben der Sängerin (1915-1963), die die Straßengöre nie ganz abgelegt hat. Und auch nicht das verlorene Kind mit den staunenden traurigen Augen. Mit Freundin Momone, die Yuri Tamura als biegsam-freche Conférencière über die Bühne wirbelt, bildet sie ein unbeschwertes Duo, das sich gegenseitig Halt gibt. Die erste Liebe nimmt sie so locker mit wie den ersten „echten“ Mann, den sie in Mon Legionnaire besingt. Und in einem bedrohlich dröhnenden Ritualtanz wird die Sängerin, umringt von ihren Fans, zum Mythos geboren.

 Cartagena setzt diese Lebensachterbahn in einer Mischung aus Pantomime, Stummfilmästhetik und Folklore- und Varieté-Tanz in bewegte Tableaus und zerbricht den Tanz zwischendurch auch mal – wie in der Klinikszene, in der die zahlreichen Entzüge der Piaf zu quälenden Minimal Music-Schleifen konzentriert sind – in kaputte eckige Bewegung. Dazu laufen neben den berühmten Chansons von La vie en rose bis Milord und L’hymne d’amour auch ein paar nicht ganz so bekannte Lieder und Musik von Muzette bis Minimal.

 Anja Herm ist eine vor allem frische gerade Titelheldin, die mit der Straßengöre wenig am Hut hat und der das jugendliche Püppchen eher liegt als die Exzesse und das Pathos der späten Jahre. Wenn man will, kann man auf der Bühne eine Frau sehen, die hauptsächlich von anderen bewegt wird, als Kind herumgestoßen, dann zum Showstar gepusht. Ganz buchstäblich lässt Cartagena sie herumschleudern, auf Podien schieben, in den Himmel heben. Von den Männern, die ihr Leben bestimmen, vom Vater, einem Zirkusartisten, über ihre Manager bis zu ihrer großen Liebe, dem Boxer Marcel Cerdan (mit schleifendem Schritt und Balou-Charme: Timo-Felix Bartels), der ausgerechnet mit jenem Flugzeug abstürzt, das ihn zu einem Auftritt Piafs nach New York bringen sollte.

 Allzu tief will Cartagena in die zerrissene Psyche der Piaf dabei nicht eintauchen; die Verlorenheit , das ewig Kindhafte der Ausnahme-Sängerin blitzen zwar auf; ansonsten geht der Abend sehr geradlinig über die Bühne, auf der die Silhouetten der Pfeiler des Eiffelturms (Ausstattung: Mechthild Feuerstein) Paris-Flair verströmen. Zwischen Hollywood-Glamour und Paris-Nostalgie entsteht so ein vielfältig unterhaltsames Musical, in dem auch Platz ist für einen Schlenker zu Marlene Dietrich (Tanja Probst), mit der sich Edith Piaf in New York befreundete, und einen luftigen Boxkampf-Slapstick im Charleston-Rhythmus.

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion