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Big Brother und der alte Brecht

Landestheater Big Brother und der alte Brecht

Eigentlich kennen wir das das: Wohncontainer, Überwachungskameras, inszenierte Realität, inszenierte Gesellschaft, inszenierte Gefühle. Regisseur Paul-Georg Dittrich verlegt in seiner elaborierten, albtraumhaft-grotesken Inszenierung von Berthold Brechts Der gute Mensch von Sezuan im Landestheater-Schleswig das Geschehen aber in genau dieses Ambiente. Eine brillante Idee.

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Szenenbild „Der gute Mensch von Sezuan“ am Landestheater.

Quelle: henrik matzen

Schleswig. Es mag befremdlich wirken, aus einem mittlerweile so abgegriffenen Topos wie dem Big Brother-Container dramatisches Potenzial zu schöpfen. Man erinnere sich nur an Schlingensiefs Containerprojekt Ausländer raus!. Das ist jetzt 14 Jahre her. Und auch an Live-Videoprojektionen auf Theaterbühnen durfte man sich bereits hinlänglich satt sehen. Dennoch: Das Konzept von Dittrich, der im Schauspiel Kiel 2012 Sofi Oksanens Fegefeuer auf die Bühne brachte, greift. Gerade durch den Rückgriff auf das längst vertraute Muster der künstlichen Container-Gesellschaft gelingt es der Inszenierung, eine weitere Ebene einzuziehen, gewissermaßen also ein neues Spiel im alten zu starten. Damit ist sie Brecht und seinem Stück ganz nahe. In dem geht es um das moralische Dilemma der gutherzigen Shen Te, die als Prostituierte in der chinesischen Provinz Sezuan arbeitet. Drei Göttern, die ausgezogen sind, auf dieser Welt wenigstens einen guten Menschen zu finden, gewährt sie Obdach und erhält als Lohn das Geld, um einen Tabakladen zu eröffnen. Prompt trifft dort eine Reihe von Hilfsbedürftigen ein. Um dem finanziellen Ruin zu entgehen, sieht Shen Te sich gezwungen, in die Maskerade ihres skrupellosen Cousins Shui Ta zu schlüpfen und den Laden mit harter Hand zu führen.

 Um die bravouröse Friederike Butzengeiger als Shen Te versammelt sich in Mehrfachrollen ein intensiv agierendes, perfekt eingestelltes Ensemble mit Karin Winkler, Thyra Uhde, Uwe Kramer, Lorenz Baumgarten, Reiner Schleberger und Simon Keel. Großes Kompliment!

 Es geht also hoch her in der von Ausstatterin Pia Dederichs kongenial eingerichteten Tabakladen-Container-WG. Mehrere Live-Kameras übertragen das Geschehen in den durch Glaswände und große Fenster durchsichtig gemachten Räumen auf eine Projektionsfläche in der Mitte der Bühne. Auf diese Weise sieht der Zuschauer dieselben Aktionen aus verschiedenen Perspektiven und in verschiedenen Stufen der Verfremdung. Verfremdungseffekt: Ohnehin das Stichwort, wenn es um Brecht und sein episches Theater geht. Auch hier schöpft die Produktion aus dem Vollen. Fast brutal reist Dittrich die „vierte“ Wand nieder, bindet das Publikum ein, jongliert mit handlungsdistanzierenden Gestaltungsmitteln wie kommentierenden Liedern (Musik von Paul Dessau u.a., Bearbeitung: Friederike Bernhardt), fliegenden Rollenwechseln oder Zwischenspielen. Das alles ist stilistisch so lupenrein ausgestaltet und gleichzeitig dermaßen aufgeladen mit Ideen, Zitaten, Querverweisen und Anspielungen, dass die Inszenierung zuweilen droht, den Inhalt der Form zu opfern. Trotzdem ein Abend mit Suchtpotential. Donnernder Applaus.

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