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Die Glückskuh im Italowestern

Landestheater Die Glückskuh im Italowestern

Zugegeben, es scheint weit her geholt. Aber was das Landestheater mit seiner Inszenierung Die Glückskuh für das begeisterte Publikum in Schleswig bereithielt, war deswegen so gelungen, weil es ein frisches, recht drastisches, aber sehr unterhaltsames Zerrbild der üblichen Bauerntheater-Tradition abgibt.

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Voller Ironie und Sarkasmus: Wolfram Apprichs Inszenierung des Lustspiels „Die Glückskuh“ bricht das Genre Bauerntheater ganz mu(h)tig mit den Mitteln des Italowesterns. So wird’s ein zeitgemäßes Stück.

Quelle: henrik matzen

Schleswig. Ob gewollt oder nicht. Dramaturgisch verhält sich die Inszenierung von Schauspieldirektor Wolfram Apprich zum Erscheinungsbild des konfektionierten Lustspiels wie der Italowestern der 60er Jahre zu den amerikanischen Western der 50er.

 „Gerechtigkeitssinn und selbstloses Handeln, die die Helden der amerikanischen Western bis dahin oft auszeichneten, sind hier entweder im Heldencharakter gerade nur zu erahnen oder weichen ganz Habgier und Eigennutz“, schreiben die Filmhistoriker Alice Goetz & Helmut W. Banz. Die stilistischen Merkmale des Italowesterns waren Übertreibung, Ironie, Sarkasmus, gebrochene Zitate der Ur-Genres, die Verwischung moralischer Grenzen, die direkte Konfrontation mit den Zuschauern (die „italienische Einstellung“, in der der nur die Augen einer Figur die Leinwand füllen), Musik. All das bringt Apprich in theatralischer Ausgestaltung auf die Bühne.

 Natürlich hat Autor Hermann Essig, dessen Glückskuh 1911 in Berlin Premiere feierte, nie einen Western gesehen. Natürlich wird im Landestheater auch nicht auf der Bühne geschossen. Die Komödie wird keine Pferdeoper. Es handelt sich hier eher um ein womöglich angewandtes künstlerisches Deutungs- und Entwicklungsprinzip. Die Brechung eines Genres bei seiner gleichzeitige Bestätigung und Modernisierung.

 Worum geht’s in der Geschichte? Das arme Mädchen Rebekkle Palmer klaut eine Kuh, um eine anständige Mitgift aufzubieten. Denn sie braucht einen Vater für ihr uneheliches Kind. Es entwickelt sich ein bitterböser, gleichwohl lustiger Clinch zwischen den beiden reichen Bauernfamilien am Ort, den Schwarzens und den Kolbes, die ihre nichtsnutzigen Söhne unbedingt „an die Frau“ bringen wollen. Es ist das Verdienst der Produktion, das Potenzial der eher dürftigen Geschichte mit ihrer für damalige Verhältnisse deftigen Sprache erkannt und durch konsequente Umsetzung ein zeitgemäßes Theaterstück geschaffen zu haben.

 In der das Genre Bauerntheater gleichermaßen zitierenden wie brutal brechenden Ausstattung von Mirjam Benkner spielt ein blendend disponiertes Ensemble, das hier – wahrlich nicht despektierlich gemeint – in Form eines Abspanns genannt werden soll: Alexandra Pernkopf (Rebekkle Palmer), Uwe Kramer (Vater Palmer), Thyra Uhde, (Nane Schwarz), Lorenz Baumgarten (Helm Schwarz), Reiner Schleberger (Vater Schwarz), Anna Franck (Mutter Schwarz), Stefan Wunder (Manuel Kolb), Karin Winkler (Mutter Kolb), René Rollin (Schultes), Simon Keel (Büttel), André Becker (Oberamtmann). The End!

(Stadttheater Flensburg, 28. 1, 19.30 Uhr: Slesvighus Schleswig, 30.1., 3.2. (jeweils 19.30 Uhr). Weitere Vorstellungen und Karten: www.sh-landestheater.de)

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