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Ein Herz für arme Kerle

Konzert in der Schaubude Ein Herz für arme Kerle

Anfangs ist Carsten Friedrichs in überquellender Quassellaune, dann gibt sich der Sänger der Liga der gewöhnlichen Gentlemen ganz dem Soul hin. Und die Musik der Herren macht Laune. 

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Aufgekratzt: Sänger Carsten Friedrichs, links Multi-Instrumentalist Philip Morten Andernach.

Quelle: Foto: Manuel Weber

Kiel. Anfangs ist Carsten Friedrichs in überquellender Quassellaune. „Das ist ja eigentlich eine deprimierende Geschichte“, schickt der Sänger und Rhythmusgitarrist dem aufgekratzten Die ganze Welt ist gegen mich (Blues für Rolf Wütherich) hinterher. „Die sollte man ja nicht in Bubblegum-Rock packen. Haben wir trotzdem gemacht.“ Der Song vom neuen, dritten Album mit dem ebenso schrägen wie langen Titel Rüttel mal am Käfig, die Affen sollen was machen ist der erste, den Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen auf ihrer Tour spielt, denn die startete am Mittwoch in der sehr gut besuchten Schaubude.

 Wütherich ist jener Rennfahrer, der auf dem Beifahrersitz des Porsche 550 Spyder saß, in dem sich James Dean 1955 zu Tode fuhr. 1981 starb er selbst bei einem Autounfall. Bis dahin hatte Wütherich immer wieder anklagende Briefe von Fans des Schauspielers bekommen. Ein gutes Beispiel für eine Methode der Band aus Hamburg und Berlin, Lieder an Figuren aufzuhängen. Wie auch das nächste: Kennst Du Werner Enke? wird abrupt unterbrochen für eine längere bandinterne Erörterung darüber, wie der Schauspieler in seinen Filmrollen heißt. Nicht fummeln, Liebling sei sein Lieblingsstreifen, verkündet Friedrichs, noch vor Zur Sache, Schätzchen. Doch Enke habe nicht nur eine komische, sondern auch eine tragische Seite gehabt, so Friedrichs. Schließlich sei er Jazz-Schlagzeuger in Göttingen gewesen, ohne Auto, und vom Fahrrad seien die Drums immer wieder runtergefallen. Daher werde ein melancholischer Zwischenpart im Stile „schwedischer Singer/Songwriter mit langen Bärten“ intoniert.

 Ein Ulk, die Combo aus Hamburg und Berlin hat ihr Herz an den Soul verschenkt, meist uptempo und mit Vorliebe Motown, verquickt mit Pop und Indie-Rock, auch Ska kommt vor . Tim Jürgens liefert den agilen, knackigen Bass, Philip Morten Andernach glänzt an Lead-Gitarre und Altsaxofon, dazu Gunther Buskies’ akzentuiertes Keyboard und Christoph Kählers energische Arbeit am Drumset. Friedrichs liegt stimmlich öfter mal schön daneben, schon so etwas wie ein Markenzeichen der Band.

 Vor Der fünfte Four Top öffnet Friedrichs so routiniert eine Flasche Bier mittels Drumstick, dass er das wohl nicht selten so praktiziert, und fragt in die Musikerrunde, wer denn alle Mitglieder des berühmten Soul-Gesangsquartetts nennen könne. Keiner. Egal. Nebensache auch, dass sich die Gesangsparts in Strophe, Brücke und Refrain öfters stark ähneln. Die Musik macht Laune, die Texte sind grandios in ihrer Mischung aus entwaffnender Banalität und heiligem Ernst.

 Friedrich singt über Das härteste Mädchen der Stadt, huldigt König Fußball in Die Kampfbahn im Sonnenschein und Die Gentlemen Spieler, feiert den besten Zechpreller der Welt und verweist darauf, das Arbeit nur ein Sechsbuchstabenwort sei. Vincent van Gogh, der „wahrlich viel Pech hatte im Leben“ (Friedrichs), weil die Zeitgenossen seine Kunst nicht zu würdigen wussten, wird nach geglückter Zeitreise ein aufmunterndes You Are Great But People Are Shit entgegen geschmettert.

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