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Abgründiges LaBute-Doppel

Schauspiel Kiel Abgründiges LaBute-Doppel

Menschliche Beziehungen und ihre Abgründe bilden regelmäßig das Epizentrum, um das die Dramen von Neil LaBute kreisen. In der Reihe 17 hat sich nun Assistentin Lisa Gappel zweier Kurz-Dramen von Neil LaBute, „Land der Toten“ und „Nach der Hochzeit“, für ihr Regiedebüt angenommen.

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Land der Toten (mit Marius Borghoff und Nurit Hirschfeld).

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Eine knackig-knappe Doppelpremiere. Beide Zwei-Personen-Stücke zeigen Szenen einer Ehe und beide lassen einen im proppenvoll besetzten Foyer des Schauspielhauses trotz warmer Temperaturen schaudern angesichts der aus vermeintlicher Normalität erwachsenen Gefühlsabstumpfung. Gappel lässt ihre Schauspieler keine Übertreibung in ihrem Spiel ausstellen, sondern gerade durch die Beiläufigkeit des Erzählens, Stück für Stück das Brutale der jeweiligen Geschichte enthüllen. Nur zwei Stühle auf einem Podest, lässig-schicke Kleidung (Ausstattung: Eva Begemann) mehr braucht es nicht, um die ineinander laufenden Monologe des Ehepaars aus „Land der Toten“ auf den Weg zu bringen. Es geht um einen Tag, der alles verändert. Marius Borghoff spielt den Mann als taff-jovialen Geschäftstypen, der sich vom anstehenden Schwangerschaftsabbruch seiner Frau unberührt zeigt, und nur von seinem „Kater, groß wie Oklahoma“ schwadroniert, der ihn nach einer Sauftour plagt. Nurit Hirschfeld gibt seine Frau milde resigniert, aber beherrscht. Den Abbruch will sie partout in kleinen Scheinen bezahlen, damit „ich es fühlen würde, etwas fühlen würde“. Doch dann nimmt der Tag, der zufällig der 11. September 2001 ist, eine ganz andere Wende, die die Gefühlsverkrustungen unerwartet aufspringen lässt.

Wirkte „Land der Toten“ beklemmend, atmet man beim zweiten Stück des Abends „Nach der Hochzeit“ auf – zunächst. Diesmal geben Borghoff und Hirschfeld ein Ehepaar, das sich in gelöster Stimmung an seine Hochzeit vor sechs Jahren erinnert. Auch hier überzeugen beide Darsteller durch klares, präsentes Spiel. Wieder auf zwei Stühlen platziert, diesmal aber zeitweise im Dialog zugewandt, zeigen sie das übliche Geplänkel eines patenten Paares beim Party-Talk. Nurit Hirschfeld trägt ein fest getackertes Dauerlächeln, Marius Borghoff mimt den etwas ungeschickten, aber gutmütigen Ehegatten. Bis das Ganze – immer noch im aufgeräumten Plauderton – eine Tragödie enthüllt: einen Fall von Fahrerflucht, unterlassener Hilfeleistung, von großer Schuld und noch größerer Ignoranz derselben. Der Schrecken hinter der Fassade der Normalität klafft tief.

Weitere Vorstellung: 19. 6., 20 Uhr, Theater Kiel, www.theater-kiel.de

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