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Wenig Worte, viel Sprache

Dänische Autorin Helle Helle im Literaturhaus Kiel Wenig Worte, viel Sprache

Die dänische Autorin Helle Helle gab im Literaturhaus in Kiel Einblick in ihre Art zu Schreiben und zu Denken.

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Helle Helle (re.) und daneben als konzentrierte Zuhörerin Jule Nero von der Schauspielschule Kiel, die die deutschen Textpassagen las.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. In Dänemark werde sie oft gefragt, ob ihre Figuren nicht einfach den geraden Weg gehen könnten: Heirat, Kinder, Haus oder so ähnlich, sagt Helle Helle. Und antwortet sich gleich selbst: „Nein, das können sie nicht!“ Denn die dänische Autorin, 1965 auf Lolland geboren, schreibt meist über Leute, die sich verirren. In der dänischen Provinz. Und in ihren eigenen Leben. So wie die Parfümverkäuferin auf der Fehmarn-Belt-Fähre in Rødby – Puttgarden. Die blockierte Schriftstellerin, die in Färseninsel von einem jungen Paar aufgelesen und in deren Alltag installiert wird. Oder wie die beiden Jogger, die sich im 2016 auf Deutsch im Zürcher Dörlemann Verlag erschienenen Roman Wenn du magst im Herbstwald verlaufen.

 „Eigentlich kann man in Dänemark nirgends verloren gehen“, schmunzelt Helle Helle vor der Lesung im fast ausverkauften Literaturhaus, „aber die Idee dazu hatte ich schon sehr lange, und dann musste ich die beiden eben in den Wald schicken.“ An einem späten Herbsttag kreuzen sich die Wege von Roar, der zuvor noch nie joggen war, und der namenlosen jungen Frau aus Aars, die sich den Knöchel verstaucht hat. Bei den meisten wäre so ein Zusammentreffen der Beginn einer Liebesgeschichte; bei Helle Helle aber ist das anders: „Mich interessieren Menschen, die nicht den Weg gehen, den man sich und ihnen wünscht.“ Und so wird die Begegnung zum Ausgangspunkt für eine andere Geschichte, eine Rückblende auf ein seltsam verkorkstes Leben.

 Die großen Gefühle gibt es bei Helle Helle nicht. Und wenn, dann verbergen sie sich hinter einem schnöden Radiowecker, den die Protagonistin zu Weihnachten bekommt. Ganz und gar unpassend, findet sie und wütet: „Du hättest mir auch einfach ein Parfüm schenken können ...“ Ein Moment der Irritation, an dem sich die ganze Misere festmacht – weniger der Beziehung als der Figur, der die Worte fehlen für ihren Ärger. „Ich schreibe über Leute, die nicht so viele Worte haben“, sagt die Dänin im lebhaften Gespräch mit Sara Dusanic vom Literaturhaus, „aber auch jemand, der auf der Fähre Parfüm verkauft, kann ein Innenleben haben.“

 Warum die Dänin immer wieder über diese unspektakulären Leute und ihre Lebenslethargie schreibt? „Weil ich finde, dass man darin etwas wieder erkennen kann“, sagt sie, „ich finde es spannend, diesen Stillstand zu erfassen. Und wenn Leute sagen, in meinen Büchern passiert nichts – dann stimmt das. Und es stimmt nicht.“ Das Eigentliche entfaltet sich in ihren Büchern über das Äußere, den Alltag, der ihre Figuren umgibt. „Ich kann gut eine ganze Seite darüber schreiben, wie einer Muscheln und Krebse sammelt – und nur sehr wenige Worte über die Liebe verlieren.“ Vielleicht, überlegt sie außerdem, sei das auch eine geeignete Art, über Sehnsucht zu schreiben. So wie Herman Bang (1857-1912), der dänische Dichter, der davon erzählte, ohne kaum je den Begriff zu gebrauchen.

 Sie tut das in knappen, löchrigen Sätzen, in deren Andeutungen und Zwischenräumen Lebenskrisen und menschliche Defizite spürbar werden. Die sind längst das Markenzeichen der Autorin, die 2011 mit einem lebenslangen Einkommen des Dänischen Kunstfonds geehrt wurde.

 Beiläufig schwebend klingt das auch, wenn Helle Helle aus dem Original liest. Und in einem fast notorischen Gleichmaß, dem man nachlauschen muss, um die atmosphärischen Verdichtungen und Verschiebungen nicht zu verpassen. „Sprache ist mehr als nur Bedeutung“, sagt sie vehement. Und so vordergründig einfach die Worte, so exakt ist ihre Arbeit daran: „Jedes Wort, jedes Komma ist wichtig. Ein falsches Komma kann den ganzen Text ruinieren. Davon hängt seine ganze Musik ab.“

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