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Von Menschen und vom Verschwinden

Juliana Kálnay liest im Literaturhaus in Kiel Von Menschen und vom Verschwinden

Juliana Kálnay, gerade noch Volontärin im Literaturhaus in Kiel, hat mit "Eine kurze Chronik des Verschwindens" ihren Debütroman vorgelegt und stellt in am 8. Februar in der Leselounge vor. 

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Auf dem roten Sofa: Heute bestreitet Juliana Kálnay als Autorin selbst die von ihr zwei Jahre lang betreute Leselounge.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Ein Mann, der erst Wurzeln schlägt, dann Äste austreibt, Blätter und Früchte. Ein Mädchen, das Erdlöcher gräbt und sich darin versteckt, bis es ganz verschwindet. Außerdem gibt es die chronisch Schlaflosen und Ronda mit dem Aquarium, die jeden Morgen mehr kalte Fische in ihrem Bett vorfindet. Es sind wundersam ungefähre Gestalten, die in Juliana Kálnays Debütroman Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens das Haus Nr. 29 bevölkern. Eine Wohngruppe am Rand von Realität und Traum, deren Wahrheit sich in einer Vielzahl von Episoden auffächert und neu zusammensetzt wie im Kaleidoskop. Und über allem thront Rita, fast so alt wie das Haus selbst und die, bei der die Fäden zusammenlaufen.

 „Ich mag es, die verschiedenen Stimmen auszuprobieren“, sagt die Autorin, die am Literaturhaus in Kiel gerade ihr Volontariat beendet hat. „Und ich wollte die Kapitel jeweils aus den wechselnden Perspektiven der Bewohner erzählen.“ Erst hatte sie die Metamorphose vom Menschen zum Baum im Sinn, dann kamen Maia und ihre Löcher dazu. „Und dann sind aus einer Geschichte immer neue entstanden.“

 In loser Verbindung ergeben sie ein Puzzle, das immerfort sein Motiv verändert, Leerstellen aufmacht oder über die Ränder hinauswuchert. Ein Spiel mit dem Diffusen, dem Verschwinden und der Flüchtigkeit des Seins. Die Spuren aber bleiben, im anonymen Treppenhaustratsch, oder den Gerüchen aus dem Fahrstuhl, den der seltsame Tom zur Einraumwohnung umnutzt. Und manchmal wird das Treppenhaus auch Dunkelort, voller ungeklärter Begegnungen.

 Kálnay fasst das in eine farbig sinnliche Sprache, die mitten in der Realität wurzelt und von da ins Groteske, Surreale treibt. Nur scheinbar festgelegt im Konkreten von Ort und Zeit. Etwa, wenn Linas selbst gekochte und viel verschenkte Marmeladen plötzlich ihr ganzes Schlafzimmer füllen. Oder wenn sie eine autonome Kinderwelt schildert, die alltäglich am Grill vor dem Haus mit dem Feuer spielt. Hausgemeinschaften sind ja so, lose verbundene Zweckgemeinschaften, die sich belauern, belauschen, aus dem Weg gehen oder befreunden. Und zwischen den Bildern, die manchmal Kurzfilme und manchmal nur Vignetten sind, meint man die Katzenminze von Lina zu riechen, das verbrannte Fleisch am Grill oder die Mottenkugeln im vierten Stock.

 Das Surreale hat die 28-Jährige, in Hamburg geboren und als Tochter argentinischer Eltern mit zwei Muttersprachen aufgewachsen, schon früher gereizt. „Ich mag das Nicht-Psychologische, diese andere Art der Identifikation“, sagt sie und outet sich als Julio-Cortázar-Fan. Der Argentinier (1914-1984) ist nicht der einzige Autor, den Juliana Kálnay ganz bewusst in ihr Schreiben einbezogen hat. „Zum Teil sind die Texte aus Pastiches entstanden“, erklärt sie, eine Anregung der Dozenten an der Uni Hildesheim, wo das Buch als Masterprojekt im Studiengang Literarisches Schreiben seinen Anfang nahm.

 Im Wechsel der Perspektiven spürt man die Lust am Ausprobieren von Stilen und Formen. Und gleichzeitig beeindruckt die Konsequenz, mit der die Autorin ihre Geschichten miteinander vernetzt. Die Sprünge und losen Enden, die bewusste Löchrigkeit – das hat Methode in ihrem Roman, der sich zum flirrenden Netzwerk entwickelt „Ich habe das Bild eines vertikal aufgeschnittenen Puppenhauses im Kopf gehabt“, sagt sie. „Wichtiger als der große Plot war mir, Motive zu verfolgen und darüber die Texte zu verbinden. Inhalt und Form sind dabei allmählich zusammengewachsen. Aber ich wollte von Anfang an, dass es nicht eine Geschichte über etwas ist.“

 Für manche ist das Haus Heimat und Rückzugsort, für andere Durchgangsstation und manchmal ein Ort der Nimmerwiederkehr: „Es gibt Menschen, die sind ihr Haus, und es gibt Menschen, die wohnen nur darin ... Und dann gibt es noch die Nacktschnecken. Jene, die kein Haus haben, auch, wenn sie sich irgendwo aufhalten.“ So geht es auch um Wurzeln, um Heimat und Heimatlosigkeit. „Offensichtlich interessiert mich das Verschwinden“, sagt Juliana Kálnay und klingt fast ein bisschen verwundert. „Aber ich habe mir das nicht ausgedacht; es ist eher so, dass man es mit sich herumträgt.“

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