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Wo die Texte Kopfstand machen

Lyrik im Literaturhaus: Wo die Texte Kopfstand machen

Frisch von der Leipziger Buchmesse kamen sie zur Stippvisite ins Literaturhaus, um mit Lesungen aus der Anthologie „Jetzt 3 Babelsprech“ einen Beitrag zum Welttag der Poesie zu leisten. Tristan Marquardt, Max Czollek und Marie T. Martin sind ein lebendiger Beweis dafür, dass die deutschsprachige Lyrik lebt.

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Gemeinsamer Auftritt zum Welttag der Poesie: Tristan Marquardt, Marie T. Martin, Max Czollek und Zara Zerbe (v.li.).

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Die Anthologie-Reihe Babelsprech gibt es seit 2003. Nach Ausgaben 2003 und 2008 wurde 2013 mit dem gleichnamigen Projekt eine Internetplattform ins Leben gerufen, in der es um Vernetzung junger Lyriker und Lyrikerinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz unter 35 Jahren geht. Neben der öffentlichen Darstellung der Autoren geht es um die gemeinsame Diskussion und gegenseitige Information. „Junge Lyriker gibt es mittlerweile auch in Städten jenseits der Metropolen und sie sind gut vernetzt“, so Tristan Marquardt. Der 28-Jährige lebt in Zürich und München, wo er 2014 den „Großen Tag der Münchner Literatur“ initiierte. In Kiel las er unter anderem eine Auswahl ultrakurzer Texte, feinsinnige Beobachtungen und Wortklaubereien, die er in Kategorien eingeteilt hat. „Du schreibst /was du denkst/ das du sagst/ wenn du schweigst“ heißt es da unter der Kategorie „Feststellungen“. Als „Wahrnehmung“ klassifiziert er Fragen wie „Ist ein voller Akku schwerer als ein leerer?“

 Er schreibe über alles, was ihn beschäftigt, sagt Marquardt – seiner Kollegin Marie T. Martin geht es da sicher nicht anders. Nach ihrem Prosadebüt „Luftpost“ erschien mit „Das Wisperzimmer“ 2012 ihr erster Lyrikband, in dem die Texte Kopfstand machen. Wuchernde Bilder von Häusern mit „von unterst zu oberst gekehrten Verstecken“, von „Zwielichtdecken im Keller“ und von „Grasnarben, mit Salbe bestrichen“ ordnet sie zu intensiven poetischen Einsichten, die den unverstellten Blick eines Kindes suggerieren. „Die Kindheit hat viele fruchtbare Motive“, so die 33-Jährige, der daran gelegen ist, „im poetischen Sprechen Neugier und Wachheit aufrecht zu erhalten.“

 Max Czollek, Mitherausgeber von „Jetzt 3 Babelsprech“ und wie Marquardt Mitbegründer des Berliner Lyrikkollektivs G 13, hat bereits zwei Lyrikbände veröffentlicht. Der Politikwissenschaftler aus Berlin, Promovent am Zentrum für Antisemitismusforschung, beleuchtet die Dinge in seinen gesellschaftskritischen, seriell verschleiften Texten unter anderem aus jüdischer Perspektive und kommt dabei zu eindrucksvollen Ergebnissen.

 Ergänzt wurde das Trio durch die Kielerin Zara Zerbe. Die Mitinitiatorin der Literaturzeitschrift „Schnipsel“ ist seit 2013 auf norddeutschen Slam- und Lesebühnen unterwegs und setzt wie ihre Kollegen auf die multiplizierende Wirkung literarischer Bezugssysteme. „Die Lyrikszene ist zwar noch überschaubar, aber es werden mehr. Und es ist so viel los, wie seit Jahrzehnten nicht mehr“, resümiert Tristan Marquardt. „Ich habe das Gefühl, es fängt jetzt erst richtig an.“

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