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Abschied von einem „Weltliteraten“

Günter Grass ist tot Abschied von einem „Weltliteraten“

Mit der „Blechtrommel“ schrieb Günter Grass Weltliteratur, als gesellschaftspolitischer Moralist erregte er Widerspruch. Jetzt starb der große deutsche Nachkriegsautor und Nobelpreisträger mit 87 Jahren in Lübeck. Die Stadt wird mit einer offiziellen Trauerfeier Abschied nehmen.

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Nobelpreisträger Günter Grass ist gestorben.

Quelle: Foto: Peter Steffen/dpa

Lübeck. Trauer um Günter Grass: Der deutsche Literaturnobelpreisträger, einer der weltweit bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart, ist am Montag im Alter von 87 Jahren in einem Lübecker Krankenhaus im Kreise seiner Familie gestorben. Der weltberühmte Autor des in etwa 55 Sprachen übersetzten Romans „Die Blechtrommel“ sei den Folgen einer schweren Infektion erlegen, teilte sein Sekretariat mit. Politik und Kultur würdigten Grass als literarische Instanz und zugleich als streitbaren politischen Mahner. „Günter Grass war ein Weltliterat. Sein literarisches Vermächtnis wird neben dem von Goethe stehen“, sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) über den gebürtigen Danziger und Ehrenbürger der heute polnischen Stadt.

Mit der „Blechtrommel“ schrieb Günter Grass Weltliteratur, als gesellschaftspolitischer Moralist erregte er Widerspruch. Jetzt ist der große deutsche Nachkriegsautor und Nobelpreisträger mit 87 Jahren in Lübeck gestorben.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erklärte, Grass habe die Nachkriegsgeschichte Deutschlands mit seinem künstlerischen sowie seinem gesellschaftlichen und politischen Engagement wie nur wenige begleitet und geprägt: „Mit dem Tod von Günter Grass verliert die Bundesrepublik Deutschland einen Künstler, von dem ich mit tiefem Respekt Abschied nehme.“

Gauck würdigt eigenwilligen Geist

Bundespräsident Joachim Gauck würdigte Grass als großen Autor und streitbaren politischen Geist: „In seinen Romanen, Erzählungen und in seiner Lyrik finden sich die großen Hoffnungen und Irrtümer, die Ängste und Sehnsüchte ganzer Generationen.“ Grass sei zeitlebens ein eigenwilliger politischer Geist gewesen, der Kritik nicht fürchtete und Debatten über Jahrzehnte wesentlich beeinflusst habe.

Grass hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg früh für die Aussöhnung mit Polen eingesetzt und Anfang der 1970er Jahre die Ostpolitik des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt (SPD) unterstützt. Grass repräsentierte für mehrere Generationen polnischer Leser das „bessere“ Deutschland. Die Todesnachricht löste Betroffenheit aus.

Kritisches Nachrufe gab es dagegen aus Israel. Grass hatte die Politik der Regierung und die atomare Bewaffnung des Landes kritisiert, zuletzt in dem 2012 erschienenen Gedicht „Was gesagt werden muss“. Der Verband hebräischsprachiger Schriftsteller hielt Grass eine politische „Delegitimierungskampagne“ gegen Israel vor: „Bis zu seinem Tod hat Günter Grass keine Reue über seine harten anti-israelischen Äußerungen gezeigt.“

Internationale Anerkennung

Grass war der weltweit wohl bekannteste deutsche Schriftsteller der Gegenwart. Gleich sein erster, 1959 erschienener Roman „Die Blechtrommel“ geriet zum Welterfolg. 40 Jahre später wurde Grass für sein Gesamtwerk mit dem Literaturnobelpreis geehrt. Das Nobelpreis-Komitee lobte die „Die Blechtrommel“ als die „Wiedergeburt des deutschen Romans im 20. Jahrhundert“. Grass galt der Schwedischen Akademie nach Angaben des Jurors Per Wastberg als „der Höhepunkt des 20. Jahrhunderts“.„Die Entscheidung damals (1999) war eine ganz bewusste“, sagte er am Montag in Paris. „Wir in der Schwedischen Akademie sahen ihn als den Höhepunkt des 20. Jahrhunderts. Er war das 20. Jahrhundert, mindestens nach Thomas Mann“.

„„Die Blechtrommel“ ist ein Meilenstein in der europäischen Literatur. Seit 1960 war er mit seiner großartigen Vorstellungskraft der dominierende europäische Autor“, sagte Wastberg. Grass spätes Eingeständnis seiner SS-Zugehörigkeit im Jahre 2006 in der Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ wollte der Juror nicht nur negativ bewertet wissen. „Das muss unterschiedlich beurteilt werden, aber er war sehr aufrichtig, selbst wenn es sehr spät kam.“

Günter Grass war ein leidenschaftlicher Raucher.

Günter Grass war ein leidenschaftlicher Raucher.

Quelle:

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel nannte Grass einen Wegbegleiter, engen Freund und Ratgeber der deutschen Sozialdemokratie. „Mit ihm verlieren wir einen der bedeutendsten Schriftsteller der deutschen Nachkriegsgeschichte und einen engagierten Autor und Kämpfer für Demokratie und Frieden.“

Ende einer Epoche

Für den Intendanten des Hamburger Thalia Theaters, Joachim Lux, ist der Tod von Grass, nur wenige Monate nach dem von Siegfried Lenz („Deutschstunde“), ein tiefer Einschnitt. „Mit dem Tod von Siegfried Lenz und Günter Grass innerhalb kurzer Zeit geht eine ganze Epoche endgültig zu Ende - literarisch und auch politisch“, sagte Lux . Grass’ letzter Auftritt war bei der Premiere der „Blechtrommel“ am 28. März im Thalia, als er sich mit dem Ensemble den Schlussapplaus abholte.

„Die Blechtrommel“ erzählt die Geschichte der Familie des Zwerges Oskar Matzerath, der sich mit drei Jahren weigerte, weiter zu wachsen von 1899 bis in die 1950er Jahre. Das Erscheinen des Bildungs- und Schelmenromans rief in der Bundesrepublik manche Sittenwächter auf den Plan, die sich an den teils deftigen erotischen Szenen störten. Seit den „Buddenbrooks“ von Thomas Mann habe kein Erstling einen derartigen Aufruhr verursacht, befand das Nobelpreiskomitee. Die Verfilmung von Volker Schlöndorff wurde 1980 mit dem Oscar für den besten ausländischen Film ausgezeichnet.

Der seit mehr als 25 Jahre in Behlendorf bei Lübeck lebende Grass hatte nach dem Krieg eine Steinmetzlehre gemacht und Kunst studiert; er war Bildhauer und Grafiker. Er zeichnete auch und schrieb sogar von dem Kritiker Marcel Reich-Ranicki hoch gelobte Gedichte. „Die Blechtrommel“ bildet zusammen mit der Novelle „Katz und Maus“ (1961) und dem Roman „Hundejahre“ (1963) die Danziger Trilogie. Zudem hat Grass eine Trilogie der Erinnerung geschrieben mit den autobiografischen Bänden „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006), „Die Box“ (2008) und „Grimms Wörter“ (2010).

Aufregung um SS-Zugehörigkeit

Weitere wichtige Werke sind die Novelle „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“, die Romane „Der Butt“ (1977) und „Die Rättin“ (1986), das skandalumrankte Buch „Ein weites Feld“ (1995) sowie die Novelle „Im Krebsgang“ (2002) über das Leid der Deutschen im selbstverschuldeten Zweiten Weltkrieg am Beispiel des Untergangs des Schiffes „Wilhelm Gustloff“ 1945 mit mehr als 10 000 Menschen an Bord - herbeigeführt durch ein U-Boot der russischen Marine.

Mit der Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ sorgte Grass 2006 für manchen Aufschrei. Grass wurde vorgeworfen, seine kurze SS-Zugehörigkeit als 17-Jähriger wenige Monate vor Kriegsende jahrzehntelang verschwiegen zu haben, während er andere immer wieder wegen ihrer NS-Vergangenheit öffentlich kritisierte. Manch einer sprach ihm die moralische Integrität ab. Ein Vorwurf, der ihn erneut im April 2012 traf: Als er in dem Gedicht „Was gesagt werden muss“ mahnte, Israels Atomwaffen gefährdeten den Frieden und ein israelischer Erstschlag könnte das iranische Volk auslöschen. Israel verhängte ein Einreiseverbot gegen ihn.

Die deutsche Wiedervereinigung 1990 hielt Grass für übereilt, auch plädierte er erfolglos für eine neue gemeinsame deutsche Verfassung. Klaus Staeck, Präsident der Berliner Akademie der Künste, sagte: „Wenn er die Demokratie in Gefahr sah, ging er keiner notwendigen Auseinandersetzung aus dem Wege.“

Das Gesamtwerk des Literaturnobelpreisträgers ist im Göttinger Steidl Verlag erschienen. Die Berliner Akademie der Künste, der Grass angehörte und deren Präsident er von 1983 bis 1986 war, betreut das literarische Grass-Archiv bis einschließlich „Ein weites Feld“ (1995), die danach entstandenen Werkmanuskripte werden im Grass-Haus in Lübeck betreut.

Die Stadt Lübeck wird mit einer offiziellen Trauerfeier von Literaturnobelpreisträger Günter Grass Abschied nehmen. Das kündigte Bürgermeister Bernd Saxe am Montag an. Zeit und Ort stehen noch nicht fest und sollen zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgegeben werden.

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Literatur

Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) hat tief erschüttert auf den Tod von Literaturnobelpreisträger Günter Grass reagiert. "Das ist ein schwerer Verlust für Lübeck, aber auch für die deutsche und die internationale Literatur", sagte Saxe am Montag der Deutschen Presse-Agentur.

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