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Tschaikowsky in vierter Dimension

London Philharmonic in Kiel Tschaikowsky in vierter Dimension

Schon nach wenigen Takten von Michail Glinkas Walzer-Fantasie h-Moll steckt man gefühlt tief drin im Russland – vor, von und unmittelbar nach Peter Tschaikowsky.

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Dirigent Vladimir Jurowski bestach durch seine elegante Leitung.

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. Man swingt im sanften Dreierpuls mit und sieht sich unter melancholischen Melodieseufzern zwischen imaginären Birkenstämmen wandeln. Das London Philharmonic Orchestra macht unter der unaufwendig eleganten, aber enorm effektiven Leitung von Vladimir Jurowski sofort klar, dass sich im ausverkauften Kieler Schloss ein denkwürdiger Festivalabend zum Komponistenschwerpunkt anbahnt. Man wartet nur noch auf das passende Personal auf der Bühne, auf die jungen Brüder Karamasow beispielsweise.

 Als dann Daniil Trifonov ans Klavier wankt, eigentlich ein glanzvoll junger Shooting-Star, den schon so mancher Kenner als Jahrhundertbegabung im Metier der Schwarz-Weißen-Tastenmagie handelt, ist die zentrale Rolle prompt besetzt. Tschaikowskys wichtigstes Erfolgsstück, der Evergreen Erstes Klavierkonzert op. 23, verwandelt sich unter seinen begnadeten Händen in ein b-Moll-Seelendrama ungeahnten Spannungsreichtums.

 Wo häufig nur oberflächlich prasselnde Virtuosität oder Ohrenglutamat für den Kaminabend zu hören ist, bleibt hier keine noch so kleine Passage ohne elektrisierende Bedeutung, ohne tiefere Aussage. Schon die berühmten Eröffnungsakkorde erscheinen zwar wuchtig, aber auch bedächtig in sich austariert. Dann versenkt Trifonov sich und seinen Bart tief in die Tasten-Meditation. Bedrohlich Dämonisches gibt es bald zu hören, Skurriles, Humorvolles und zerbrechlich Zartes.

 Wie hinter Glas oder als fernes Traumbild eines besseren Lebens erscheint der langsame Satz. Geradezu irre Züge nimmt das feurig zuckende Finale an. Man könnte dem 24-jährigen Solisten vorwerfen, seine Verzögerungen und Beschleunigungen, plötzlichen Akzentuierungen und Verschleierungen seien von der Partitur nicht ansatzweise gedeckt. Tatsächlich aber bleibt nur rückhaltlose Bewunderung für die Entdeckung einer vierten Dimension in einem hinreichend bekannten Repertoirestück. Das Publikum ist frappiert: Trifonov wacht im Beifallssturm verklärt lächelnd wie aus einem wirren Traumspiel auf und hat mit Alla Reminiscenza von Nikolai Medtner noch eine wundersam mäandernde Zugabe parat.

 Das britische Eliteorchester erweist sich als perfekter Partner. Schon in kleiner Besetzung begeistert der satte Sound, der auf der resonanzreichen Bassregion basiert und reich schillernd bis in die warmen Höhen der Violinen und die Soloflöte aufgefächert ist. Optimale Voraussetzungen, um nach der Pause in großer Stärke mit einer Rarität so richtig aufzutrumpfen: In seiner Ersten Symphonie tritt der 20-jährige Sergei Rachmaninow hörbar das Erbe seines Fürsprechers, des späten Tschaikowsky an. Auch hier entfacht Jurowski ein romanhaft ausuferndes Tondrama, schwungvoll ausgemalt in pastos aufgetragenen Registerfarben, mit samtweich veredelten Melodiezügen, sagenhaft sich gegenseitig verstärkenden Blechbläsersätzen, perkussiven Kanonaden und famos volltönenden Intimitäten.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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