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Ungetrübtes Händel-Glück

„Lorario“ in Göttingen Ungetrübtes Händel-Glück

Das diesjährige Reformationsjubiläum ist auch für die Internationalen Händel Festspiele Göttingen willkommener Anlass, unter dem Motto „Glaube und Zweifel“ wichtige, uns alle betreffende Fragen aufzuwerfen.

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Für den selten gespielten „Lorario“ gab es in Göttingen Ovationen.

Quelle: Alciro Theodoro Da Silva

Göttingen. Laurence Cummings, der Künstlerische Leiter des Festivals, möchte, wie er sagt, mit Werken wie „Israel in Egypt“ und der „Brockes-Passion“ unsere „Überzeugungen, Prinzipien und Wertevorstellungen“ zur Diskussion stellen. Im Mittelpunkt der zahlreichen Veranstaltungen aber steht die selten gespielte Oper „Lotario“, die den Machtkampf zweier Frauen zum Thema hat.

Als Lesung, Puppentheater oder auf großer Kinoleinwand

Georg Friedrich Händels italienischsprachige Opern waren ja nach seinem Tod vollkommen in Vergessenheit geraten. Ihre Wiederentdeckung begann erst 1920 in Göttingen mit „Rodelinda“. Zunächst ging man recht zaghaft an die Wiederbelebung der Opern, dann aber, vor allem seit den 1970er Jahren, wurde daraus eine regelrechte Renaissance. Den 1729 im Londoner King's Theatre uraufgeführten „Lotario“ aber hat man lange Zeit nicht beachtet, bis 2006, als er endlich in Karlsruhe auf die Bühne kam. Händel hatte sich durch den Misserfolg seiner Oper nicht entmutigen lassen und hat viele der Arien in anderen Werken wieder verwendet. Zum 100-jährigen Jubiläum 2020 ist in Göttingen Großes geplant, wie Tobias Wolff, der Intendant des Festivals, verrät: „Alle Titel seiner 42 Opern sollen im Programm auftauchen. In unterschiedlichen Formaten: szenisch, konzertant, in Arrangements als Lesung, Puppentheater oder auf großer Kinoleinwand.“

Zu gut für den schlechten Geschmack der Stadt

Mit „Lotario“ haben die Göttinger Festspiele einen Volltreffer gelandet, denn dieses so sträflich vernachlässigte Werk ist wider Erwarten eine prachtvolle Oper voller Saft und Kraft und begeisternder Musik. Wie konnte sich das Uraufführungspublikum nur so sehr irren? Mary Pendarves, eine Zeitgenössin, weiß eine Antwort: „Die Oper ist zu gut für den schlechten Geschmack dieser Stadt.“ Das war sicherlich eine Anspielung auf die schnell populär gewordene „Beggar's Opera“, die ein Jahr zuvor ebenfalls in London aus der Taufe gehoben worden war.

 Mit Carlos Wagner hat man einen Regisseur verpflichten können, der die vertrackt komplizierte Handlung des „Lotario“ so plausibel und verständlich auf die Bühne bringt, dass sich das Studium der schwer verständlichen Inhaltsangabe erübrigt. Er lässt alle drei Akte in einem Raum spielen, der   ein großzügiges, barock ausgestattetes Atelier suggeriert: Wir sehen Gemälde mit Kampfszenen in prunkvoll verzierten Rahmen, Farbtöpfe und andere Malutensilien, ein an allen Wänden befestigtes Gerüst und eine verschiebbare, für Szenenwechsel nützliche Stellage mit Zwischenvorhang. Alles sieht irgendwie unfertig und ein wenig chaotisch aus, vermittelt eher klaustrophobische Gefühle und will so gar nicht zu der im 10. Jahrhundert spielenden Handlung in Oberitalien passen. Aber Carlos Wagner will ja kein Historiendrama inszenieren, sondern legt Wert auf die Darstellung von Machtkämpfen und die Sichtbarwerdung innerer Konflikte, die es zu allen Zeiten gegeben hat und gibt. So ist das Kampfgeschehen zwischen Lotario und Berengario um die schöne Witwe Adelaide – dahinter verbergen sich die historischen Figuren Otto der Große, Berengar und Adelheid – nur im Hintergrund zu ahnen, durch Rauch, Feuerschein und die Schlachtendarstellungen auf den Gemälden.

Zwei starke, unbeugsame Frauen

Der englische Dirigent Laurence Cummings, das FestspielOrchester Göttingen (FOG) und die sechs Topsolisten haben in wochenlanger Probenzeit bestens auf die Premiere hingearbeitet. Was als Resultat zu hören und zu sehen ist, hat das Premierenpublikum begeistert. Mit großer Spannung konnte man der Handlung bis hin in die feinsten psychologischen Verästelungen folgen und einmal mehr Händels geniale Fähigkeit der Charakterisierung bewundern. Zwei starke, unbeugsame Frauen, Matilde, die Gattin von Berengario, und die verwitwete Adelaide stehen im Zentrum der Handlung und liefern sich gegenseitig unerbittliche Kämpfe um die Macht. Die Sopranistin Marie Lys als Adelaide besticht mit blitzblanken Koloraturen und enormer Willensstärke, während die Mezzosopranistin Ursula von den Steinen alle Register einer machthungrigen Regentin zieht und bereit ist, über Leichen zu gehen, auch über die ihres Sohnes Idelberto. Dieser junge Mann und Thronerbe ist die vielleicht psychologisch interessanteste Figur in diesem abgefeimten Ränkespiel. Er ist ganz Geschöpf seiner Mutter, die ihn ständig zurechtweist und zu der er ein fast schon inzestuöses Verhältnis hat.

Eine rührende Szene

Jud Perry singt diese Rolle mit samtweichem, herrlich timbriertem Countertenor und gebärdet sich wie ein von seinen Eltern dominiertes, oft willenloses Weichei. Er soll Adelaide heiraten, aber scheitert bei seinen Avancen auf so erbärmliche Weise, dass die von ihm Begehrte für ihn nur Mitleid empfinden kann – eine rührende, unter die Haut gehende Szene! Gegen den strahlenden Lotario, der wie ein Halbgott aus einer anderen Welt in das Geschehen eingreift und selbstredend die schöne Adelaide für sich gewinnt, ist ein so an Leib und Seele zerbrochener Idelberto ohne jede Chance. Die schlanke, hochgewachsene Mezzosopranistin Sophie Rennert bringt die richtige Figur mit für die Titelrolle und wirkt in ihrem langen, silbrig schimmernden Mantel wie nicht von dieser Welt. Ihr Widersacher Berengario findet in dem Tenor Jorge Navarro Colorado einen Darsteller, der die charakterlichen Schwächen dieses machtgierigen Tyrannen auf eindrucksvolle Weise betont. Die schwierige Bariton-Partie des Clodomiro ist bei Todd Boyce in besten Händen und virtuoser Kehle.

Und das „lieto fine“, das zu Händels Zeiten obligatorische Happy End der Oper? Carlos Wagner hinterfragt es, zeigt uns eine überfreundliche Matilde, die dem siegreichen Lotario mit einem goldenen Becher zuprostet. Freundlichkeit oder giftige Rache? Das bleibt offen.

Jeder Ton hat ein vitales Leben

Was Laurence Cummings aus dem bestens aufgelegten FOG an Farbvaleurs, Spiellust und auch an Virtuosität herauskitzelt mit seiner ungemein suggestiven Art zu dirigieren, ist schlichtweg phantastisch. Bei seinem Dirigat gibt es keine Note, die mal so nebenbei gespielt wird; bei ihm hat jeder Ton vitales Leben, ist jeder Ton von Bedeutung. Die vom Orchester ausgehenden Impulse wirken geradezu elektrisierend auf alle Beteiligten und nicht zuletzt auch auf das Publikum, das mit vier Stunden ungetrübten Händel-Glücks belohnt wird.

www.haendel-festspiele.de / info@haendel-festspiele.de Die Festspiele dauern bis zum 28. Mai. Die Festspiele 2018 finden vom 10. bis 21. Mai unter dem Motto „Konflikte“ statt. Händels Oper „Arminio“ wird im Mittelpunkt stehen.

Von Jürgen Gahre

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