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Die Last der Liebe im Terrarium

Fassbinder-Drama in Lübeck Die Last der Liebe im Terrarium

Dass Tiere in der Literatur vermenschlicht werden, ist keine Seltenheit. Besonders oft werden Katzen zu denkenden und sprechenden Personen: E.T.A. Hoffmann ließ seinen Kater Murr gebildet über sein Leben Auskunft geben; die Brüder Grimm machten den gestiefelten Kater sogar zum Minister. Dass Menschen vertiert werden – gibt es dieses Verb überhaupt? – ist dagegen ungewöhnlich. Lucia Bihler, 28 Jahre junge Regisseurin, hat es gewagt: Sie lässt das Personal von Rainer Werner Fassbinders Liebesdrama Die bitteren Tränen der Petra von Kant als Katzen auftreten.

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Erstaunliches, frisches Theater: Szene mit Maike Schmidt, Benjamin Radjaipour, Vincenz Türpe und Monika Oschek.

Quelle: Kerstin Schomburg

Lübeck. Von Michael Berger

Die bläulichen Masken weisen sie als Nacktkatzen aus – luxuriöse Geschöpfe, oft Ergebnis der Qualzucht. Nackt sind sie nicht, sie tragen vielmehr Kleider, die den Anschein erwecken, als hätten sich namhafte Designer daran versucht (Ausstattung: Josa Marx, der immerhin ein Praktikum bei Vivienne Westwood vorweisen kann). Es schneit ständig, die Regisseurin will so das Bild einer Schneekugel evozieren. Doch viel mehr erinnert die Bühne an ein Terrarium, in dem exotische Tiere ein riesiges abgestorbenes Gehölz als Kletter- und Kratzbaum vorfinden.

 Noch zwei kühne Eingriff hat Lucia Bihler in Fassbinders Stoff vorgenommen: Sie lässt in dem reinen Frauenstück drei Männer mitwirken, und ihre Hauptperson, Petra von Kant, ist eine multiple Persönlichkeit. Fünf Schauspielerinnen und Schauspieler geben ihr Stimme und unterschiedliche Gestalt. Gelegentlich schert ein Darsteller aus und übernimmt die Rolle von Mutter, Tochter, Freundin oder Geliebter. Das Erstaunliche daran ist: Bihlers Mischung aus Stilisierung, Posen und choreografierter Bewegungsartistik, die zuweilen an die radikale Künstlichkeit des Volldampf-Regisseurs Herbert Fritsch erinnert, funktioniert auf das Schönste. Die Mechanik des Spiels offenbart einen Schuss Wahnsinn – und vor allem wird mit Körpersprache ein Maximum an Ausdruck offenbart, trotz der Masken.

 Wenn Frau von Kant ihrer Bediensteten befiehlt, Getränke aufzutischen, genügt es, dass die stumme Dienerin die Hand hebt, als trage sie ein Tablett – das Geräusch von anstoßenden Gläsern ist zu hören, den Figuren entfährt ein „Hicks“, und schon ist klar, dass hier Alkohol im Spiel ist. Gelegentlich bewegen sich alle in einer Choreografie zwischen Ausdruckstanz und Galyxo-Schwof aus „Raumpatrouille Orion“. Im Blick des Faktotums Marlene, das sich wie im Trance bewegt, meint man, Mordlust erkennen zu können.

 Die Handlung scheint angesichts des expressiven Spiels anfänglich in den Hintergrund zu treten. Doch die Geschichte der Modedame, die sich in eine junge Frau verliebt und diese von sich abhängig machen will, nimmt schnell Fahrt auf. Die einsame Reiche wird erstens enttäuscht von der Jüngeren, zweitens betrogen, drittens abhängig und viertens verlassen. Ein besonders eindrückliches Bild erscheint am Schluss, als Petra von Kant, nur von einer Darstellerin verkörpert, von der Last der Liebe buchstäblich niedergedrückt wird. Die Geliebte hängt an ihr wie ein Rucksack.

 Da hat man das Maskenspiel und die Aufspaltung der Figuren längst als probates Stilmittel für eine so tragische wie komische Präsentation von Liebesmacht und Machtliebe akzeptiert. Das Ensemble - Susanne Höhne, Monika Oschek, Maike Schmidt, Vincenz Türpe, Jochen Weichentthal und Benjamin Radjaipour (er spielt ausschließlich Dienerin Marlene) - hat dem Stück unter der wundersam eigensinnigen Regie eine groteske Seele eingehaucht. Ein so erstaunlicher wie frischer Theaterabend.

 Weitere Vorstellungen: Sa, 21. Mai, 20 Uhr; So, 19. Juni, 18.30 Uhr; So., 26. Juni, 16 Uhr, Kammerspiele des Theaters. Kartentel. 0451-399600. www.theaterluebeck.de

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