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Die vergebliche Liebesmüh’

Glucks "Orpheus" in Kiel Die vergebliche Liebesmüh’

Die Lieblingsoper des Sonnenkönigs, Lullys "Atys", ist als Barockrarität am Kieler Opernhaus noch in lebhaftester Erinnerung. Jetzt kehrt deren Regisseurin, die postmoderne Choreografin der Minimal-Music-Größen Philip Glass und John Adams, zurück: Lucinda Childs setzt nun den Geniestreich des Reformisten Christoph Willibald Gluck in Szene: "Orfeo ed Euridice".

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Begeistern sich für die modern gedachten Titelfiguren: Lucinda Chields und Rubén Dubrovsky.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Irgendwo zwischen Händel und Mozart erzählt der Wiener Kapellmeister Gluck die bewegende mythologische Geschichte des Sängers Orpheus, der nach dem plötzlichen Tod seiner Geliebten in die Unterwelt hinabsteigt, um flehentlich für ihr Weiterleben zu werben ... Für die gemeinsame Entscheidung, die jüngere Pariser Version von 1774 in einer Mischfassung mit der Ur-Fassung von 1762 zu spielen, sieht der kanadische Dirigent Rubén Dubrovsky, gern gesehener Spezialist für Alte Musik, mehrere gute Gründe: „Zunächst haben wir mit Lucinda Childs hier ja eine Choreografin, die die französischen Ballettmusiken mit der Compagnie des Kieler Theaters für ihre Regiearbeit optimal nutzen kann. Außerdem funktioniert die Musik auf Französisch ausgesprochen gut, obwohl es sich ja ursprünglich um ein italienisches Libretto handelt und wir das italienische Che faro senza Euridice so sehr gewohnt sind. Aber die Farben stimmen auf Französisch.“ Dubrovsky begeistert sich für die mutigen Irregularitäten im Taktgefüge und die Pariser Instrumentation mit Klarinetten. „Die spätere Fassung ist stilistisch reicher. Manche Stellen würde man beim Hören gar der Romantik zuschlagen.“

 Für Childs macht das demonstrative Verschränken unterschiedlicher theatralischer Sprachen den Reiz aus: „Bei Atys habe ich noch versuchen müssen, das Singen und Tanzen der Figuren geschickt zu kombinieren. Hier ist ganz klar, was Ballett ist und was Gesang und Aktion. Ich kann hier den Chor als Schauspieler und die Tänzer als Ballett einsetzen.“

 In ihrer Version bleibe es ein Traum von Orpheus, Eurydike aus der Unterwelt zurückholen zu können. „Das Ganze endet, wie es begann: mit dem Verlust. Bei uns steht das notwendige Begreifen dieser Tatsache im Zentrum.“ Childs will mit ihrem Ausstatter Paris Mexis „sehr deutlich visuell“ zwischen Diesseits und Jenseits unterscheiden. „Aber die Figuren und die Tänzer bleiben ja dieselben. Wir wollen das nicht verschleiern und sie doch ganz anders aussehen lassen.“

 Dubrovsky bestätigt diese Kontraste im Musikalischen: „Wir haben eine Ouvertüre in brillantem C-Dur, die sagt: das Leben ist schön! Und dann kommt der brutale Kontrast zum c-Moll-Eingangschor, der eindeutig eine Trauermusik ist. Von dem Moment aber, in dem Orpheus auf sein Alleinsein besteht, beginnt eine latent positive Entwicklung, eine lange emotionale Reise. Gluck macht das sensationell! Wenn Orpheus in der Unterwelt den Furien begegnet, steht das wieder im c-Moll der Trauersphäre.“ So werde die Parallele deutlich: Dieselben Personen des Chores, die mit ihm getrauert hatten, sind nun diejenigen, die der unerhörten Rettungsaktion als Furien im Weg stehen. „Orpheus versucht sie in C-Dur zu überreden – der positiven Kraft der Musik, die alles schafft und schon in der Ouvertüre Ausdruck des Lebendigen ist.“

 Childs begeistert sich für die Intelligenz der beiden „modernen“ Hauptfiguren: „Beispielsweise wie Orpheus den Furien klarmacht, dass sein Leiden schlimmer ist als ihrs. Stück für Stück geraten sie in den Sog seiner sympathischen Ausstrahlung. Es wendet eine sehr positive Überzeugungstechnik ohne Anklage an. Ich wollte, ich könnte das selber so beim Arbeiten“, lacht die Regisseurin.

Premiere am Sa 7. Mai, 19.30 Uhr, Oper Kiel. Restkarten: 0431 / 901 901.

www.theater-kiel.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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