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Mankells Stück ins Hier und Heute geholt

Lübeck Mankells Stück ins Hier und Heute geholt

Zwei junge Afrikanerinnen sitzen im Bauch eines Schlepperkahns. Sie haben Heimat, Familie und Freunde verlassen, um in Europa ein neues Zuhause und eine sichere Zukunft zu finden. In ihrer ersten Regiearbeit im Studio des Schauspielhauses inszeniert Kristin Trosits, vor zwei Jahren noch Regieassistentin in Kiel, das 2003 uraufgeführte Stück, das heute so aktuell ist wie vor 13 Jahren.

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Brauchen auf der Studiobühne kein Meer und kein Schiff: Regisseurin Kristin Trosits (l.) und Ausstatterin Marie Rosenbusch.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. 2002 schrieb Henning Mankell das Flüchtlingsdrama Butterfly Blues. Um Begegnungen mit Schleusern und Bürokraten, Mädchenhändlern und Wutbürgern geht es in dem Stück. Und um Hoffnungen, die, manchmal romantisch und naiv, an der Realität zerschellen. In ihrer ersten Regiearbeit im Studio des Schauspielhauses inszeniert Kristin Trosits, vor zwei Jahren noch Regieassistentin in Kiel, das 2003 uraufgeführte Stück, das heute so aktuell ist wie vor 13 Jahren. Gerade diese Aktualität bedeutet für die 30-Jährige eine besondere Herausforderung. Denn durch unsere ständige Konfrontation mit der Flüchtlingsproblematik hat das Thema in ihren Augen eine besondere Brisanz und verlange eine sensible Herangehensweise.

 „Das Stück ist ein bisschen veraltet, geschrieben in einer poetischen Sprache aus der Sicht der weißen Kolonialherren. Wir haben uns bemüht, viel davon ins Hier und Heute zu holen. Dabei hat sich selbst während der sechswöchigen Probenzeit in der Flüchtlingsdebatte täglich so viel verändert, dass wir Mühe hatten, am Puls der Zeit zu bleiben.“ In Zusammenarbeit mit Dramaturg Jens Raschke wurde der Text „auf das Wesentliche reduziert“ und die sprachliche Schönfärberei „erträglich gemacht“, schließlich handelt es sich um ein raues Thema und ein rohes Stück.

 Doch Kristin Trosits will keine Geschichte von Gut und Böse erzählen, sie will den Menschen mit seinen Stärken und Schwächen in den Mittelpunkt stellen. „Es geht um Menschlichkeit und um das Mensch sein an sich“, sagt sie. „Alle haben Fehler, machen aber auch vieles richtig.“ Mit der von Mankell eher plakativ angelegten Schwarzweißmalerei mit Tendenz zum Klischee hat die Regisseurin daher nichts am Hut. „Wie bedienen die Klischees, um sie gleich darauf aufzubrechen. Wir wollen zeigen, warum jemand wurde wie er ist. Das geschieht manchmal durch Worte, manchmal auch durch kleine Andeutungen und Gesten.“

 Neben Jennifer Böhm, die als Ana die die Hauptrolle spielt, übernehmen Agnes Richter, Marius Borghoff und Rudi Hindenburg in der episodenhaften Szenenfolge zwischen Vergangenheit und Gegenwart mehrere Rollen. Dabei sind alle Schauspieler ständig präsent auf einer Bühne, die Marie Rosenbusch als „Festung Europa“ angelegt hat. Innerhalb der kruden Konstruktion aus Gittern und Kisten, grell beleuchteten Plätzen und einem Traumfenster, das für Anas Erinnerungen an Afrika vorbehalten ist, können die vielen Orte mühelos behauptet werden. „Das Stück funktioniert über das Anzitieren. Wir haben kein Meer, kein Schiff und keine schwarzen Schauspieler. Durch das Anzitieren einer Person oder einer Situationen entstehen die Bilder im Kopf.“ Eine atmosphärische Soundcollage von Eike Ebbel Groenewold soll die Entstehung dieser Bilder unterstützen und am Ende wird eine Protagonistin auf der Bühne stehen, die nicht triumphiert. „Wir verzichten auf ein großes Finale, wir machen einfach irgendwann Schluss“, so Kristin Trosits.

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