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Wo die Perfektion bröckelt

Lübeck Wo die Perfektion bröckelt

Die Overbeck-Gesellschaft stellt das Werk des Prager Malers Vladimír Houdek vor. Am Sonntag eröffnet die Ausstellung in der Königstraße 11.

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Geometrische Abstraktion ist Grundthema von Vladimír Houdeks Arbeiten.

Quelle: Björn Schaller

Lübeck. Seine Leinwand grundiert er in allen Schattierungen von Grau und am Ende ist die Schichtung so dicht, dass man sich an eine Schiefertafel erinnert fühlt. Darauf setzt Vladimír Houdek ein Raster aus weißen Linien, das er mit einem Kanon geometrischer Formen füllt: Trapeze, Dreiecke und Rechtecke gibt es da, ineinander verschränkt oder spiegelverkehrt sich auffächernd in einem beinahe musikalischen Farbenwechsel aus Weiß, Grau und Schwarz. Mittendrin und obendrüber schweben dreidimensional anmutende Kreise wie Planeten. Die geometrische Abstraktion ist ein Grundthema im Werk des Künstlers aus Prag. In der Overbeck-Gesellschaft stellt er mit seiner Schau Levitationen erstmals jenseits seiner tschechischen Heimat aus.

„Spiritualität, die auf die Bedeutung des Unbewussten zielt, spielt in Houdeks Kunst eine Rolle“, so Oliver Zybok. Insgesamt 43 Arbeiten hat der Direktor der Overbeck-Gesellschaft nach Lübeck gebracht, darunter eine Reihe von Grafiken, die in ihrer sorgfältigen Ausführung viel mehr sind als skizzenhafte Vorstudien zu den großen Bildwerken.

Wie auf den Leinwänden wird die Akkuratesse des objekthaften Formenreigens mit bewusst gesetzten Makeln konfrontiert, die ein reizvolles Spannungsverhältnis zwischen Schäbigkeit und Perfektion aufbauen. Sind es in den Grafiken Flecke und dunkle Fingerabdrücke, weisen die Leinwände Spuren abrupt entfernter Abklebungen auf, hier und da bröckelt auch die scharf gezogene Kante eines Rechtecks. Er sei ein ungeduldiger, in seinem Schaffensprozess geradezu manischer Künstler, sagt Houdek, übrigens der jüngste, dem die Nationalgalerie Prag je eine Solo-Schau einrichtete. 2013 war das, da hatte er bereits zwei wichtige tschechische Kunstpreise erhalten und sich von der Farbe verabschiedet „um klarer zu werden“.

Reduziert und üppig zugleich, hält die Formensprache des 31-Jährigen eine Fülle von Anspielungen bereit – vom surrealen Objekt bis zur rotierenden kosmischen Kugel. „Mich interessieren ständige Wiederholungen, Spiegelungen und eine Unendlichkeit, die durch das Bildformat begrenzt wird“, erzählt er. „Dabei ist mir der reine Akt des Malens, seine Körperlichkeit und Sinnlichkeit wichtig.“

Am Anfang sei es ein unbewusstes Malen, das im Laufe der Zeit zunehmend zusammenhängend würde. Wichtige Inspirationsquelle ist für ihn der Artifizialismus, eine 1927 in Tschechien gegründete avantgardistische Kunstströmung, die auf unbewusste Prozesse in der Kunst verweist und eine Symbiose aus Malerei und Dichtung postuliert. Von der Ordnung, dem Prinzip der Wiederholung und der Paradoxie des Dadaismus fasziniert, will Vladimír Houdek das kunstgeschichtliche Erbe ins 21. Jahrhundert tragen. Höchst eindrucksvoll gelingt ihm das tatsächlich mit einem computeranimierten Video, dessen formale Ästhetik – reduziert auf Schwarz- Weiß- und Grautöne – an Oskar Schlemmers Triadisches Ballett anknüpft.

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