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Die Kunst der Selbstzerstörung

„Lady Macbeth von Mzensk“ Die Kunst der Selbstzerstörung

„Hören Sie doch meine Musik, da ist alles gesagt“, hat der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch autobiographisch den Alptraum angedeutet, den das stalinistische Unrechtssystem aus seinem Leben gemacht hatte. Am Theater Lübeck ist dieser Alptraum jetzt sichtbar gemacht worden, indem man am Anfang und Ende in die ergreifend selbstquälerische „Pseudotragik“ (Schostakowitsch) des Achten Streichquartetts hineinhört – und dazwischen die „tragisch-satirische“ Oper Lady Macbeth von Mzensk als grelle Revue konsumiert, szenisch verortet irgendwo zwischen B-Movie, Ego-Shooter-Computerspiel und Betroffenheitsoratorium.

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Die Inszenierung von „Lady Macbeth von Mzensk“ begeisterte das Publikum zu Recht.

Quelle: hfr

Lübeck. Hinter den hässlichen großen Rolltoren, auf denen in kyrillischen Schriftzeichen das Wort „Sünde“ prangt wie eine Empfehlung ohne Arzt oder Apotheker, torkelt Katerina wodkaschwanger durch eine lieblos langweilige Mittelstandsexistenz, wie sie im Zarenreich genauso möglich war wie heute im korrupten Land der Oligarchen. Die Inszenierung von Jochen Biganzoli macht aus der Titelheldin eine kaputte Stellvertreterin des zerstörten Komponisten. Ihre Liebessehnsucht, die in den Fußstapfen von Shakespeare über Leichen geht, korrespondiert mit Schostakowitschs Sehnsucht um Anerkennung für seine Kunst.

Die russische Sopranistin Irina Rindzuner singt und verkörpert diese letztlich hoffnungslose Getriebenheit mit einer enorm weit gefächerten hochdramatischen Attitüde. Ständig wechselt sie im plastischen Spiel mit der russischen Muttersprache die Farben – von kalt verächtlichen Trompetentönen bis zu warm empfundener Lyrik ist alles dabei, was eine große Frauengestalt formen kann.

Ihre sichtbar gewordenen Gewalt-Obsessionen, eine Männerwelt aus lüsternen Gaffern und Vergewaltigern, beziehungsreich garniert mit Bildern von Schostakowitsch und Stalin, werden letztlich zur Triebfeder von Kunst. Auf der Drehbühne von Wolf Gutjahr und in den Kostümen von Katharina Weissenborn wuchert all das zum grenzwertig erträglichen Trash, zumal, wenn die Polizeischergen bis hinein in den Zuschauerraum Groteske üben und die Videos von Thomas Lippick jede Selbstbespiegelung der Figuren maximal vergrößert oder Rattenkämpfe mit Gulag-Folter gleichsetzen. Dass hier der „Schäbige“ (Guillermo Valdés) als Dark-Knight-Joker und Todesengel dämonisch herumschleicht, wundert gar nicht mehr.

Aus dem präzise getimten szenischen Trubel, der den enorm klangstarken Chor singschauspielerisch stets hautnah an der Musik entlang als erotisch überdrehte Masse wabern lässt, erheben sich die Männerstimmen. Da beeindruckt Taras Konoshchenko als lüsterner Schwiegervater, Untoter und Zwangsarbeiter mit dröhnender Bassgewalt. Es funkelt Katerinas schwuler Ehemann Sinowij (Daniel Jenz). Und es lockt die viril aufreizende Arroganz der personifizierten Tenor-Affäre Sergej (John Uhlenhopp).

Lübecks Erster Kapellmeister Andreas Wolf dirigiert die kantige Urfassung von 1932 dazu mit einer hitzigen Schärfe, die sowohl Sinn für das Sinnliche wie für das fratzenhaft Satirische zeigt. Das Premierenpublikum ist nicht nur von der virtuosen Umsetzung durch die Philharmoniker zu Recht extrem begeistert.
Termine am 12. März, 1. und 15. April, 1.  und 29. Mai, 16. und 25. Juni. Tickets: 0451/399600 und www.theaterluebeck.de.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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