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Meyerbeers moderne Historie

Oper Kiel Meyerbeers moderne Historie

„Viele Leute machen den Fehler zu glauben, Meyerbeer biete eine Art zusammengerührtes Potpourri von allen möglichen Stilen. Dabei war er es, der berühmte Komponisten mit seinen vielfältigen Ideen inspiriert hat." Der Regisseur Lukas Hemleb beobachtet bei seinen Raritätenexkursen häufiger, dass die Operngeschichte oft äußerst ungerecht mit den Werken umgeht. An der Oper Kiel inszeniert er die Grand Opéra "Die Hugenotten".

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Der Regisseur Lukas Hemleb (links) und der Dirigent Daniel Carlberg sind von Meyerbeers Qualitäten zutiefst überzeugt.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Mit dem Dirigenten der Kieler Neuproduktion, die am Sonnabend Premiere feiert, ist Hemleb sich einig, dass der von Konkurrenzneid befeuerte Antisemitismus Richard Wagners und die Verbannung des Schaffens eines jüdischen Komponisten durch die Nationalsozialisten der innovativen Grand Opéra den Repertoire-Garaus bereitet hat. „Aber auch der Aufwand ist sehr groß. Man braucht unglaublich versierte Sänger für dieses Repertoire – und dass Kiel sie gefunden hat, ist eine ganz besondere Leistung“, so der in Frankreich lebende und an der Comédie-Française in Paris gefragte Hemleb.

 Der Dirigent Daniel Carlberg findet das Konglomerat des vielschichtig komponierenden Kosmopoliten Meyerbeer ebenfalls besonders spannend, aber auch besonders schwierig, all das stilistisch genau zu treffen: „Da ist – nur kurz nach Rossinis Wilhelm Tell – alles zwischen den Stühlen auszuloten. Aber es macht Sinn, im Orchester von Rossini aus zu denken, von der leichten, durchsichtigen Art her. Man kommt dem eher nah als vermeintlich im Sinne einer Richtung Wagner aufgebauschten Grand Opéra mit riesiger Blechpanzerung.“ Ganz im Sinne von Meyerbeers Belcanto müssten „unsere fantastischen jungen Sänger“ in der Lage bleiben, unter Einsatz der wunderbaren „Voix mixte“-Technik auf die leichte französische Art zu singen, geschmeidig in der Höhe, beweglich. Carlberg ermuntert die Philharmoniker deshalb auch, Instrumente historischer Bauart, kleine Trompeten und Posaunen, kleine Pauken, kleines Schlagzeug und eine kleine Tuba als Pendant zur historischen Ophikleide zu verwenden. Auf dieser nie vorlauten Grundlage könne sich dann auch das Pathos, die Dramatik und die Kraft entwickeln, mit der die besonders herausfordernde Partie des Raoul auf die Helden bei Verdi und Wagner vorausweise. „Das alles ist unglaublich modern gedacht, bis hin zum Gemetzel am Schluss – fast schon Verismo“, so Carlberg.

 Hemleb sieht einen extrem weiten Bogen in Sujet und Musik, geschlagen vom „politischen Pulverfass, der Übererregtheit der späten französischen Renaissance mit ihrer Gewaltbereitschaft und Duellleidenschaft“ bis hin zur erotomanischen Erregtheit des Pariser Nachtlebens aus dem 19. Jahrhundert mit ihren Liebes- und Eifersuchtsintrigen. Inszenieren will er das „ziemlich streng historisch“, weil die Botschaft auch im historischen Gewand stellvertretend für Massentötungen in Ruanda verstanden werde.

 „Es gibt Hauptrollen und heimliche Hauptrollen. Da stehen natürlich Valentine und Raoul mit ihrem anrührenden Schicksal im Zentrum, wo für sie vielleicht der Verrat am Vater genauso schwer wiegt, wie der Verrat an der Religion und sich all das im Liebesduett des Vierten Aktes in geradezu Wagnerische Dimension auswächst“, so Hemleb. Und dann gebe es die Königin, die als Koloraturvirtuosin in einem „Zaubergarten à la Parsifal“ (Carlberg) mit Harfenklängen eingeführt wird, sich aber zur entscheidenden Schnittstelle zwischen privatem und politischem Schicksal auswachse. Außerdem begegnen „Querschläger“ wie der Diener Marcel, der als eine Art „protestantischer Taliban“ für die Fanatisierung auf allen Seiten stehe, so der Regisseur.

 Nicht zuletzt sei in der Garnd Opéra der Chor sehr wichtig, dessen Tableaus lesbare Konflikte anzuzeigen hätten. „Aber ich habe zuletzt Verdis Falstaff in Genf inszeniert – und mit dem auch nicht einfach zu bewegenden Chor dort gut vorgeglüht“, so Hemleb, der in Kiel zuvor mit der bildstarken Tosca Erfolg hatte.

Hit des 19. Jahrhunderts: Meyerbeers Grand Opéra

Die 1836 in Paris uraufgeführten „Hugenotten“ des deutschen Komponisten Giacomo Meyerbeer (1791-1864) sind heute eine Rarität, im 19. Jahrhundert waren sie wahrscheinlich die meistgespielte Oper überhaupt. Allein in Paris zählte man angeblich über 1000 Aufführungen. Das fünfaktige Drama wird wegen seines politisch-historischen Bezugs und der opulenten Ensembles und Massenszenen zum Typus der „Grand Opéra“ gezählt. Die Handlung kreist um den Religionskonflikt zwischen den Katholiken und den protestantisch-calvinistischen Hugenotten und mündet in die berüchtigte Bartholomäusnacht am 24. August des Jahres 1572, in der von Katharina von Medici die Ermordung von Protestanten-Führern befohlen wurde und daran anschließende Pogrome in Paris tausende Opfer forderten. Das Opernlibretto von Eugène Scribe und Émile Deschamps verbindet das Massaker mit dem tragischen Schicksal einer politisch unmöglichen Liebe zwischen dem protestantischen Edelmann Raoul und Valentine, der Tochter des katholischen Pendants Graf de Saint-Bris.

 

Premiere am 24. September, 19 Uhr, Oper Kiel. Karten: 0431 / 901 901.

www.theater-kiel.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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