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Lebendiges Musiktheatermuseum

Oper Kiel Lebendiges Musiktheatermuseum

Die Oper Kiel hat seine Spielzeit mit einer opulenten Premiere von Giacomo Meyerbeers Grand Opéra „Die Hugenotten“ eröffnet. Ein glanzvolles Sängerensemble ließ sich vom Regisseur Lukas Hemleb dabei in historischen Tableaus einfassen. Der Dirigent Daniel Carlberg sorgte für Belcanto-Feuer.

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Chor- und Ensemblemassen unter dem Bühnenspiegel.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Galantes Getue, Spottlust, Drohgebärden, religiöser Fanatismus, Musketier-Ehre und Hofschranzen-Gezeter, Gartenzauber und infame Heiratsintrigen – alles bekommt von Giacomo Meyerbeer einen eigenen Tonfall. Nach zwei Akten, überwältigt von oft oberflächlich wirkungsvollen musikalischen Gesten und wildesten Kunstgesang-Exzessen, taumelt man geradezu in die Pause. Die Hugenotten sind wahrlich ein Füllhorn.

Doch die musikgeschichtlich wohl wichtigste Grand Opéra, im Jahr 1836 nach Spontini und Rossini noch eine Art Prototyp, lohnt ihre Wiederbelebung vor allem durch enorm starke Momente in den Akten Drei bis Fünf. Wenn Meyerbeer die Gegensätze zwischen Volksgetöse und intimer Tragödie schärft, die unglücklich liebenden Hauptfiguren in einem sagenhaft unkonventionell spannungsgeladenen Duett zusammenführt oder mit ganz neuartigen, manchmal mutig verschrobenen Orchesterfarben und Soloinstrumenten (Bassklarinette!) experimentiert, dann wird völlig klar: Die Hugenotten sind der Steinbruch, aus dem Berlioz, Verdi und Wagner ihre heute viel bekannteren eigenen Musikdramenwelten schufen.

Voraussetzung für solche Aha-Erlebnisse sind Stilgefühl und virtuose Angriffslust. Kiels Stellvertretender Generalmusikdirektor Daniel Carlberg bringt beides ein. Er hat mit den in Teilen auf historisierenden Naturinstrumenten spielenden Philharmonikern einen mitreißend griffig voranpreschenden Meyerbeer-Sound abgemischt. Er kann dabei auf die von Lam Tran Dinh reaktionsschnell und vielfarbig studierten Chöre mit ihrer riesigen französischsprachigen Partie zählen. Und er hat ein erstaunlich stimmig besetztes Belcanto-Ensemble an der Hand.

Die gefürchtete Riesenpartie des erst hofierten, dann verfolgten hugenottischen Edelmanns Raoul liegt dem russischen Tenor Anton Rositzkiy enorm gut. Er betört mit weich durch die Register gleitenden Tönen, hat aber auch die Attacke für Spitzentöne und dramatische Gegenwehr. Agnieszka Hauzer passt mit ihren tragisch gedeckten und entsetzt aufflammenden Klagelauten als unglückliche Geliebte Valentine ähnlich optimal zu ihm wie Daniela Bruera: Die Koloratur-Zumutungen der Königin Marguerite, aber auch die etwas zwielichtigen Zwischentöne im Geschlechterkampf um den Religionsfrieden fließen der Italienerin mit faszinierender Geschmeidigkeit aus der Kehle.

Dieses überall konkurrenzfähige Spitzentrio mit zwei Gästen wird imposant aus dem Haus flankiert  – bis hin zu den Nebenpartien und dem eingebundenen, federleicht souveränen Jugendchor-Nachwuchs (Johanna Kahlcke, Hanna Laackmann, Mae Dettenborn). Da glänzt der Kavalierbariton Tomohiro Takada als hochmütig ironischer, aber letztlich moralisch sauberer katholischer Graf von Nevers. Jörg Sabrowski gibt dem finster unversöhnlichen und dafür mit dem Tod seiner Tochter bestraften Grafen von Saint Bris zumindest im tieferen Register Statur. Der Bass Timo Riihonen poltert und dröhnt, wie es sich für den ungeschlachten protestantischen Haudegen-Diener Marcel gehört. Und wie ein lichtes Gegenbild macht der königliche Page Urbain, unverkennbar Vorbild für Verdis Oscar im Maskenball, im mühelos aufgeregten Gezwitscher von Sopranistin Karola Sophia Schmid pure Freude.

Der deutsche Wahlfranzose Lukas Hemleb, spürbar tief geprägt von der ästhetisch konservativen Pariser Comédie-Française, ist als Regisseur ein Könner in Sachen Theatermuseum. Wie da Mantel-und-Degen-Tableaus entsprechend Gemälden Alter Meister gestellt, der Chor in Massenszenen drapiert, handelnde Personen auf leerer Fläche raumgestaffelt in Beziehung gesetzt oder die finale Schlachtszene der Bartholomäusnacht mit Pogrom-Grausamkeit und Theaterblut aufgepumpt wird, ist kunstvoll künstlich umgesetzt.

Dabei herrscht nirgends der Eindruck des muffig Verstaubten, denn die historischen Kostüme von Falk Bauer sind so opulent und kontrastreich farbstark bildprägend, dass echte Hofdamen und Edelmänner des 16. Jahrhunderts vermutlich vor Neid erblasst wären. Gianni Carluccios Lichtführung und Bühne arbeitet im Wesentlichen nur mit einer matt spiegelnden, schräg gekippten Rückwand, die den Eindruck von Masse an Akteuren geschickt verstärkt.

Das Fazit im allseitigen Rausch des Beifalls: Am 13. November wird es die Deutsche Oper in Meyerbeers Heimatstadt Berlin sicher „anders“ machen – „besser“ wird aber nicht leicht sein.

 

Aufführungstermine in der Oper Kiel: 2., 11., 16. und 21. Oktober, 11. und 26. November, 15. Dezember, 4. Januar, 4. und 19. Februar, 18. März und 20. April. Karten: 0431 / 901 901. www.theater-kiel.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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