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„Kabarett bekommt eine neue Funktion“

Lutterbek „Kabarett bekommt eine neue Funktion“

Noch schreibt er und probt mit seinem langjährigen Regisseur Uli Waller: Am 19. September kommt Arnulf Rating, einer der profiliertesten politischen Kabarettisten des Landes, mit der Vorpremiere seines neuen Programms „Rating akut“ ins Lutterbeker.

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"Wie bei jeder Entwicklung, geht man erst mal fröhlich rein und merkt nachher, was für Gefahren und Abgründe sich eröffnen", sagt der Kabarettist Arnulf Rating zu sozialen Netzwerken im Internet.

Quelle: Frank Peter

Lutterbek. Herr Rating, Sie bringen alle zwei Jahre ein neues Programm heraus. Täuscht der Eindruck, oder ist in den vergangenen beiden Jahren besonders viel passiert?

 Das ist schon so, einige grundlegende Koordinaten haben sich verschoben. In der Ukraine und im Nahen Osten herrscht Krieg. Und das, obwohl erst vor vier Jahren die „Arabellion“ große Hoffnungen geweckt hatte.

„Rating akut“ heißt Ihr neues Programm: Hört sich an wie eine Medizin – woran krankt es denn?

Seit der Finanzkrise 2008 verschärft sich die internationale Situation, die Lage in Griechenland etwa ist für mich ganz klar eine Folge dieser Finanzkrise. Was positiv zu vermerken ist: die Leute wachen auf, Fragen kommen, auch eine gewissen Skepsis gegenüber der Presse.

Skepsis gegenüber der Presse meint jetzt aber nicht das Stichwort „Lügenpresse“, oder?

 „Lügenpresse“ wurde schon von rechts wie links benutzt, ist ein Begriff, der im 1. Weltkrieg entstanden ist und auch in der DDR genommen wurde. Ich meine eher ein Aufwachen gegenüber dem „eingebetteten Journalismus“. Seit dem 11. September 2001 haben wir permanent einen Krieg gegen den Terror, der sich auch auf die Berichterstattung auswirkt. Was mir Sorgen macht, ist die zunehmende Kriegsbereitschaft auf allen Seiten.

Sie beklagen die Dauer-Befeuerung durch die Medien. Was macht das mit uns?

Dass die Leute den Medien skeptisch gegenüber stehen, ist ja auch gut. In der ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“ hat man beispielsweise etwas erfahren über deutsche Star-Journalisten, die über Außenpolitik berichten und zugleich in US-amerikanischen Lobby-Verbänden drin hängen. So gesehen bekommt das Kabarett eine ganz neue Funktion: Es muss heute auch mal Informationen zusammenstellen.

Die digitale Hetze in den sozialen Netzwerken ist derzeit besonders aktuell. Hass-Kommentare verbreiten sich in Sekundenschnelle. Haben wir diese Seite der digitalen Entwicklung unterschätzt?

Wie bei jeder Entwicklung, geht man erst mal fröhlich rein und merkt nachher, was für Gefahren und Abgründe sich eröffnen. Das Internet ist eine Abbildung der Wirklichkeit, lange Zeit nicht kontrolliert, eigentlich immer noch nicht. Wenn man etwa bedenkt, dass das Fernmelde- und Kommunikationsgesetz ausgehebelt ist, ist das schon ein Skandal.

Ist die mediale Dauer-Aufgeregt verantwortlich für das Gefühl, dass alles immer schlimmer wird – verschiebt sich unsere Wahrnehmung?

Es ist schon so, dass mit den sinkenden Auflagen der Printmedien die Hysterie der Schlagzeilen steigt. Das betrifft aber nicht nur die Medien, das gilt für jeden. Eine Ego-Entwicklung in der Gesellschaft. Alle kämpfen um Quoten und wollen „geliked“ werden. Außerdem lenken die Aufgeregtheiten auch ab. Wir sind der viertgrößte Waffenlieferant und liefern Waffen in die Regionen, aus denen jetzt die Menschen flüchten. Da sollte man auch Ursache und Wirkung in einen Zusammenhang setzen.

Wie halten Sie es denn selbst mit der digitalen Hygiene? Sind Sie auch mal offline?

Ja, das bin ich. Im Urlaub beispielsweise koppele ich mich total ab. Das tut mir gut, einfach mal in die Natur zu gucken und zu sehen, das ist das wahre Leben – und es ist ganz umsonst.

Interview: Beate Jänicke

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