17 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Wundertiere auf seltenen Erden

Lyrik im Gespräch Wundertiere auf seltenen Erden

Zu einer doppelten Premiere kam es im Rahmen der Reihe „Lyrik im Gespräch“, als Heinrich Detering und Arne Rautenberg im voll besetzten Literaturhaus ihre jüngsten Gedichtbände präsentierten. Im Laufe des unterhaltsamen Abends stellte sich schnell heraus, dass sich nicht nur die Autoren bestens verstehen; auch ihre Texte traten immer wieder in einen inspirierenden Dialog, der neue Einsichten und Perspektiven vermittelte.

Voriger Artikel
Immer weiter dreht sich das Rad
Nächster Artikel
Unverkennbare Handschrift

Im inspirierenden Austausch: Heinrich Detering (links) und Arne Rautenberg.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Beide Dichter sind Liliencron-Preisträger und einander wohlvertraut. Arne Rautenberg (Jahrgang 1967) stellte mit Seltene Erden (Horlemann Verlag) eine überraschend ernste Sammlung vor, die seinem ohnehin vielseitigen Werk eine neue Note abgewinnt. Neben den kurzen und oft sprachspielerisch ausgerichteten Texten finden sich dort auch Langgedichte, in denen die Nachdenklichkeit überwiegt: „im rückspiegel sah ich die kröte / den klumpen leben im sprung / seiner nackten möglichkeiten“. Doch natürlich scheut Rautenberg die Pointe nicht, wenn er ein Haiku schreibt: „der entlegene / abgrund handyempfang nein / haikuempfang ja“.

 Der in Göttingen arbeitende Literaturwissenschaftler Heinrich Detering (Jahrgang 1959) hat in Wundertiere (Wallstein Verlag) vielfältige und anspielungsreiche Gedichte zusammengetragen, die ihre Inspiration nicht zuletzt der Dingwelt und der Natur verdanken. Oft geht es auch um historische Figuren, wie den von einem Blitz erschlagenen Erfinder des Blitzableiters oder Erasmus Darwin und sein „Wundertier“, eine Sprechmaschine, die am Ende nur zwei Silben beherrscht: „Mama“. Doch auch Oden gehören zu Deterings Repertoire, und in Neolithikum heißt es: „wie ließ es nach wie bleichte der Himmel aus / wann leerten Wiesen Wasser und Wälder sich“.

 Im eloquent geführten Schlussgespräch zeigten sich beide Autoren ungebrochen, was ihre verschiedenen Ausdrucksformen betrifft: Arne Rautenberg bekennt sich dazu, „kein Programm“ zu haben und kreativen Impulsen spielerisch nachzugehen; er schätzt es, „regellos in der Kunstwelt“ unterwegs zu sein. Für Heinrich Detering gibt es keinen Widerspruch zwischen dem Dichten und seiner wissenschaftlichen Arbeit, denn „gelebtes und gelesenes Leben“ würden ihn gleichermaßen inspirieren. Freundschaftlicher kann ein Schulterschluss unter Dichtern kaum ausfallen.

Von Kai U. Jürgens

Voriger Artikel
Nächster Artikel