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Sex, Seifenkisten und Trockenübungen

Julia Wolf und Carolin Callies in der Leselounge Sex, Seifenkisten und Trockenübungen

Lyrik trifft Prosa in der Leselounge im Literaturhaus. Dort lasen die Schriftstellerinnen Julia Wolf und Carolin Callies.

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Auf einer Wellenlänge: Julia Wolf (li.) und Carolin Callies.

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Kiel. Kiel. Die Dinge passieren ihr einfach. Der Sex, den Moritz, der Freund, sich so brutal beiläufig nimmt. Die Typen in der Bar, denen sie eigentlich nur Drinks serviert. Und Ingrid lässt es geschehen, sieht sich einfach dabei zu. Erst ist sie noch das Mädchen, später die junge, in die Großstadt geflüchtete Frau. Nur ihre Dämonen, die sind dieselben geblieben. Alles, was der Protagonistin in Julia Wolfs Debütroman Alles ist jetzt (Frankfurter Verlagsanstalt) geschieht, ist Außen- und Innenperspektive, Kopf und Körper zugleich. „Ich empfinde sie als sehr hilflos gegenüber der Welt“, sagt die Autorin in der Leselounge im Literaturhaus über ihre passive Heldin, die zwischen Live-Sexbar und der zersprengten Familie, zwischen dem dauerbekifften Junkie-Bruder und dem teilnahmslosen Freund nach einem Gefühl für sich selbst tastet.

 Es geht viel um Sex („auch nur eine weitere Form der gescheiterten Kommunikation“, sagt Wolf) an diesem Abend, um entfremdete Körper und um allerlei Körperflüssigkeiten, die Carolin Callies später in ihren Gedichten assoziativ in Fluss bringt. Und die Kieler Band Superfucker setzt einen vielfältigen und entspannt verschleppten Americana-Sound dagegen, von dem das Publikum im vollen Haus gar nicht genug bekommt.

 Aber erstmal klingen da noch Julia Wolfs Sätze. Sie kommen knapp und abgehackt wie Kabbelwellen, kühl, fast unbeteiligt vorgelesen; und sie entwickeln einen stammelnd treibenden Rhythmus. Sie habe lange nach einer Form für die Geschichte gesucht, sagt die 1980 geborene Autorin, der es zunächst um das Kleinstadt-Milieu mit seinen Scheidungskindern und den insgesamt destruktiven Strukturen ging. Geschichten, die ihre hart verknappte Sprache nah am Rand zur Lyrik präzise erfasst.

 Kein Wunder, dass Carolin Callies danach Anknüpfungspunkte zwischen dem eigenen Schreiben und dem der Kollegin ausmacht. Im Lyrik-Band Fünf Sinne und nur ein Besteckkasten (Schöffling Verlag) der 35-Jährigen gärt und schwärt es, geht es so handfest heftig wie ironisch illusionslos um Nacktschnecken, Lepra oder Seifenkistenrennen, wird mit zwei Fliegen und einem Hund eine Trockenübung in Sachen Totsein angestellt. Und die Körper, die Erotik sind – gerade in Aktion – auch immer schon am Verrotten: „wir legen das küssen nahe: / die feuchten etagen zwischen zähnen und kronen / & du fragst / war das noch geschlechtsorgan / oder doch schon trockenobst“.

 „Es fällt mir nicht schwer, über Vergänglichkeit zu schreiben“, sagt Carolin Callies munter, „ich betrachte den Körper als fragiles, versehrtes Moment.“ Und der Puff am Bahnhof Darmstadt, an dem ihr Zug auf dem Weg vom heimischen Ladenburg nach Frankfurt zur Arbeit im Verlag zwei mal täglich vorbeifährt, kann sie da ebenso inspirieren wie der seltsam poetische Satz von einem Freund: „Ich schenkte der Bäckersfrau Leber vom Reh.“ „Toller Rhythmus, oder?“, sagt sie. So wie der, der ihre Gedichte trägt, verstörend locker über alle düsteren Rätsel hinweg.

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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