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Sein Traum vom Fliegen

Unser neuer Fortsetzungsroman Sein Traum vom Fliegen

Die Hamburger Autorin Maiken Nielsen erzählt in ihrem neuen Roman "Unter uns die Welt" vom aufregenden Leben ihres Großvaters. Eine Geschichte übers Fliegenlernen und die Macht der Vergangenheit.

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Maiken Nielsen

Quelle: Sabrina Adeline Nagel

Hamburg. Ein bisschen Abenteuer-Gen steckt auf jeden Fall in ihr drin. Schließlich ist Maiken Nielsen mehr oder weniger auf Frachtschiffen aufgewachsen, ist nach der Schule ein Jahr lang per Anhalter durch Europa gereist und hat vor einiger Zeit ihre ersten Flugstunden genommen. Da steckte die Rundfunk-Journalistin und Autorin, die aus einer alt eingesessenen Lotsen- und Kapitänsfamilie in Övelgönne stammt, schon mitten im neuen Buch. Darin erzählt sie die Geschichte ihres Großvaters, des Zeppelin-Navigators Christian Nielsen.

  „Unter uns die Welt“ erzählt von Ihrem Großvater Christian Nielsen, der vom Fliegen träumte und Zeppeline navigierte. Warum wollten Sie seine Geschichte erzählen?

 Ich wusste schon als Kind, dass ich einen sehr besonderen Großvater habe. Meine Eltern haben mir zum Beispiel früh schon den Filmausschnitt gezeigt von dem„Hindenburg“-Unglück in Lakehurst, das er überlebt hat. Auch darüber ist er in unserer Familie zu einer mythischen Gestalt geworden. Ich wollte nicht, dass dieser Mensch mit seiner spannenden Lebensgeschichte in der Versenkung verschwindet.

 

 Ein Weltumsegler war er außerdem – auf der Luxusyacht „Orion“ …

 Ja, das war damals die luxuriöseste Yacht der Welt, gebaut in Kiel bei der Germania Krupp. Ich hatte große Lust, diese Weltreise mit der Zeppelin-Weltumrundung parallel zu montieren. Ich habe dann online das Reisetagebuch der Orion entdeckt und für sehr viel Geld ersteigert – eins von fünf Exemplaren. Das war d i e Quelle. Da habe ich so viel erfahren über die Abläufe an Bord, wann sie in welchem Hafen waren. Auch dass er am Tag des Börsencrashs in New York war, habe ich daraus erfahren. Mein Großvater ist auch auf vielen Fotos abgebildet – der hat immer überall mitgemischt, muss unheimlich kommunikativ gewesen sein.

 

 War er eigentlich ein Abenteurer?

 Er ist keiner, der auf eigene Faust die Achttausender besteigt. Aber er hat schon aus eigenem Antrieb mit 18 Jahren auf einem Chile-Segler angeheuert – was echte Knochenarbeit war. Und er hatte diesen Traum zu fliegen. Ich denke, er hat immer die Herausforderung gesucht.

 

 Aus welchem Grund haben Sie sich für die Romanform entschieden?

 Ich begebe mich gern in ein historisches Ambiente und spiele damit. Und ich wollte die Geschichte farbiger ausgestalten. Ein Sachbuch hätte mich da erzählerisch in ein Korsett gezwängt.

 

  Hatten Sie manchmal Skrupel – weil Sie von einer realen Person erzählen und auch die Menschen drumherum fast ausschließlich real waren?

 Ich habe mich ständig gefragt: Werde ich denen auch gerecht? Ich habe sehr viel mit meinem Vater und meiner Großtante Erika, also Christians kleiner Schwester, gesprochen. Zwar hat ihn mein Vater kaum gekannt, er war erst fünf, als Christian verschwand – aber er hat sein Leben lang alles um ihn herum gesammelt. Irgendwann habe ich mal gefragt, ob er Briefe oder Tagebücher habe – und bin aus allen Wolken gefallen, als er die einfach rausholte.

 

 Wie ist Ihnen Christian Nielsen darüber näher gekommen?

 Zuvor war er immer der abstrakte Held, der im Laufe seines Lebens – von dem ja nur 30 Jahre verbürgt sind - immer wieder an entscheidenden Punkten der Weltgeschichte auftauchte. Er hat den Untergang des Schiffs vor Kap Hoorn erlebte, den Börsencrash in New York 1929, den in Flensburg geborenen Luftfahrtpionier Hugo Eckener, den Absturz der „Hindenburg“. Die Briefe und Tagebücher haben ihn mir auch als Menschen nahegebracht, der empfindsam und empfindlich war – und ungeheuer bildungshungrig.

 

  Sie haben ihm im Roman eine amerikanische Freundin dazu gedichtet in der fiktiven Figur der Journalistin Lil Kimming. Wie kam es dazu?

 Vor ungefähr zehn Jahren hat mein Vater von einem alten Kollegen von Christian Nielsen erfahren, dass es wohl eine zweite Frau in seinem Leben gegeben hat. Und da Christian eine ganze Zeit in den USA war, ein Teil der Familie dort auch lebte, fand ich es nicht abwegig, dass er dort auch eine Frau kennengelernt hat.

  War es schwierig, sich diese Frau vorzuste llen?

 Überhaupt nicht. Ich hatte sofort ein Bild und wusste: Die muss ganz und gar anders sein als meine eher distanzierte Großmutter Maria. Und die Teile, die mit Lil zusammenhingen, die flossen mir regelrecht aus der Feder.

 

  Heißt das auch, dass die anderen, nicht rein fiktiven Teile weniger einfach waren?

 Ja, weil ich das Gefühl hatte, ich muss der historischen Realität gerecht werden. Mein Vater war Kapitän, ist bestimmt hundert Mal in den Hafen von New York hinein gesteuert und kennt dort jede Tonne. Das war schon mal sehr nützlich. Außerdem habe ich mit einem amerikanischen Zeppelin-Historiker zusammengearbeitet, der lustigerweise sehr viel mehr über meinen Großvater wusste als mein Vater und ich. Ich wollte aber auch vom Alltag erzählen. Wie war das Wetter? Was ist in dem Sommer passiert, als sich meine Großeltern auf Sylt kennenlernten? Das sollte stimmen – und es ist nochmal eine richtige Detektivarbeit geworden.

 

 Das hat sicher Spaß gemacht, so tief in die eigene Geschichte einzutauchen?

 Total. Und es war so aufregend, dass ich manchmal gar nicht stillsitzen und schreiben konnte, weil ich dachte: Das gibt es ja gar nicht – wie passt das alles in ein einziges Leben.

 

  Sind Sie Ihrem Großvater für die Recherche auch nachgereist?

 Ich bin sogar so weit gegangen, dass ich ein paar Flugstunden genommen habe, um herauszufinden, wie sich das anfühlt … Ich musste einfach selber erfahren: Was ist das für ein Gefühl, wenn man so eine kleine Maschine durch die Luft steuert.

 

 Und wie fühlt es sich an?

 Das ist wirklich das totale Glücksgefühl! Ich bin jetzt ein paarmal in der Cessna geflogen und starte manchmal mit dem Fluglehrer über Norddeutschland – das ist ein ganz anderes Gefühl als in einer Passagiermaschine, in der man sich fühlt wie in einer Konservendose.

 

  Sie beschreiben aber auch die Fahrten mit dem Zeppelin sehr lebhaft …

 Die konnte ich zwar nicht selber ausprobieren; aber ich war im Zeppelin-Museum in Friedrichshafen, und ich habe sehr viel gelesen. Am Ende hat sich mir dieses Gefühl von Erhabenheit und Schweben schon erschlossen. Dieses Zusammenspiel von ganz dicht über der Erde sein und dennoch über den Dingen. Das war so intensiv, dass ich nachts davon geträumt habe – und morgens darüber geschrieben.

 

  Hugo Eckener kommt aus Flensburg, Ihr Großvater von Sylt – und plötzlich gibt es da einen direkten Draht nach Amerika …

 Das ist ja das Spannende. Ich fand diese Epoche zwischen den beiden Weltkriegen wahnsinnig aufregend. Die Zeit der Zeppeline und der ersten Flugzeuge, die es möglich machten, dass die Menschen einander näher kamen. Es gab diesen kosmopolitischen Geist – und auf der anderen Seite verstärkte sich die nationalistische Gesinnung. Diesen Widerspruch fand ich unglaublich spannend. Und das wollte ich abbilden.

 

  Das Buch ist auch ein Zeitgemälde – und nicht von ungefähr denkt man dabei an die Weltsituation heute.

 Das ist mir auch so gegangen. Und ich wünschte mir schon, dass die Leute zwischen den Zeiten lesen und anfangen, darüber nachzudenken, in welche Richtung das auch gehen kann.

 Maiken Nielsen: Unter uns die Welt. Roman. Wunderlich Verlag, 448 Seiten, 19,95 Euro

 Das Buch, das am 21. September erscheint, startet am 1. September in den KN/SZ als Fortsetzungsroman.

 Lesung am 13. Oktober, 20 Uhr, bei Hugendubel in Kiel.

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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