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Zeigen, was sich nicht zeigen lässt

"Warten auf die Barbaren" in Hamburg Zeigen, was sich nicht zeigen lässt

Vielleicht geht es im Theater von Maja Kleczewska um etwas ganz anderes. Nicht darum, das Grauen, die Folter, das Unsagbare auf der Bühne abzubilden, sondern gerade die Unmöglichkeit dessen.

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In der Opferrolle: Der Magistrat (Markus John) und das Mädchen (Sachiko Hara).

Quelle: Thomas Aurin

Hamburg. Dabei allerdings schreckt die polnische Regisseurin in ihrer Bühnenfassung des Romans "Warten auf die Barbaren" von J.M. Coetzee vor drastischen Bildern nicht zurück.

 Den rohen Beton des Malersaals hat Bühnenbildner Wojciech Pus mit einer billig glänzenden Showgardine verhängt; davor zerbröselt die Tanzbewegung einer Sängerin im wirren Geschlenker, spielen zwei graue Herren und ein Ledertyp mit steifem Grinsen überm Metallgebiss unheimliche Bar-Normalität. Und je nachdem, wo man im Auditorium, das sich über die gesamte Längsseite des Raums zieht, Platz genommen hat, sieht man sie noch gar nicht, die geschundene Gestalt mit dem Sack über dem Kopf, die der bizarren Abendunterhaltung gegenüber auf einen Stuhl gefesselt ist.

 Es geht um Paranoia und Behauptung, um Folter und (falsche) Wahrheit in Coetzees 1980 erschienenem Roman, der in einem universellen Niemandsland spielt, einem kafkaesken Reich, das Gestalt gewinnt, indem es das unbekannte Draußen bekriegt. Bis dem Magistrat der Stadt Zweifel kommen an den Behandlungsmethoden, die der eigens angereiste eiskühle Oberst Joll (Christoph Luser) so sachlich im Dienste der „Wahrheitssuche“ an den „Barbaren“ exekutiert. Eine Parabel, die über Südafrika und seine damalige Apartheids-Politik weit hinausgeht – und Maja Kleczewska schält das Grundgerüst der Foltermechanik heraus. Passt es ein zwischen Kafkas Ausweglosigkeit und Brechts Lehrstücken.

 So wird das misshandelte Mädchen auf dem Stuhl zum Startpunkt einer Leidensgeschichte, die Markus John in der Rolle des Magistrats mit vollem Körpereinsatz eindrucksvoll durchlebt. Erst fällt mit dem Anzug der Firnis eloquenter Kultiviertheit. Dann scheitert er armselig an den sexuellen Avancen des Mädchens, dass er doch retten wollte und in das Sachiko Hara die verstörende Ambivalenz des Opfers einschreibt. Und schließlich zurrt sich der Magistrat – längst selbst ein Opfer des Obersts und des Systems geworden – eigenhändig an Ketten in die Höhe, gefesselt, entblößt, kopfüber gehängt wie Schlachtvieh. Während Michael Weber als Ultrazyniker im Glitzerjackett im routinierten Comedy-Stil in das Handwerk des Folterns einführt. Ist das die Wahrheit?

 Maja Kleczewska zeigt alles, um zu zeigen, wie sich alles nicht zeigen lässt. Und die Macht ihrer Bilder entsteht daraus, dass es hier kein Entkommen gibt. Statt Verdichtung türmt sich hier Bild auf Bild und Schrecken auf Schrecken, bis die zugespitzte Drastik zum Selbstzweck wird. Was eigentlich schockt und lähmt, macht irgendwann müde.

  Deutsches Schauspielhaus Hamburg. Weitere Vorstellung: 3. Februar, 20 Uhr. Kartentel. 040 / 248713, www.schauspielhaus.de

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