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Ausgeschöpfte Potenziale

NDR-Orchester im Schloss Ausgeschöpfte Potenziale

Mit dem Dirigenten Marc Minkowski und einem französischen Programm hätte die Besucher des 2. NDR-Konzerts im gut besuchten Kieler Schloss am Sonntag eigentlich ein Abend ganz im Zeichen der Grande Nation erwartet. Aber es kam anders.

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Intensiver Ausdruck: Bariton Florian Sempey, Dirigent Manfred Honeck und das NDR Elbphilharmonie Orchester.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Mit der krankheitsbedingten Absage des Maestros geht nicht nur ein Wechsel am Pult, sondern auch ein Austausch großer Teile des Programms einher. Statt Musik von Maurice Ravel und César Franck dirigiert „Einspringer“ Manfred Honeck Antonín Dvořáks Rusalka-Suite und Peter Tschaikowskys Sinfonie Nr. 6 h-Moll Pathetique – zwei Werke, die der Music Director des Pittsburgh Symphony Orchestra gerade mit seinem eigenen Klangkörper aufgenommen hat und dementsprechend aus dem Ärmel schüttelt. Was den Bekanntheitsgrad anbetrifft, wiegt sein Name nicht ganz so schwer wie der Name Minkowski. Was allerdings das künstlerische Kaliber anbetrifft, begegnen sich beide auf Augenhöhe.

 Honecks Format zeigt sich bereits bei seiner Lesart der von ihm selbst zusammengestellten Rusalka-Suite. Der 58-Jährige hat das groß besetzte NDR Elbphilharmonie Orchester hier im Griff, als wäre es ein Streichquartett. Inmitten eines hochaufgelösten Panorama-Sounds zaubert der Österreicher musikalische Details hervor, mit denen in einem solchen Rahmen sonst nicht zu rechnen wäre. Jede Stimmung, jede emotionale Wendung wird hier delikat ausmusiziert. Dabei erlebt man überdies fasziniert, wie sich der sängerische Charakter der Musik auch auf der orchestralen Ebene ungehindert entfaltet und Konzertmeister Roland Greutter das Lied an den Mond auf der Solo-Violine mit einem lyrischen Feingeist intoniert, als erklänge es aus einer schönen Frauenkehle.

 So bietet dieser kantable Eröffnungszug ein schönes Präludium für den einzigen Programmteil des Abends, der auch unter Marc Minkowski zu hören gewesen wäre: Ernest Chaussons Poème de l'amour et de la mer op. 19, die von Florian Sempey gesungen werden. So wie der junge französische Bariton äußerlich in- und extrovertiert zugleich wirkt, zeichnet sich auch sein Zugang zu den Orchesterliedern durch eine Parallelität von sängerischer Verinnerlichung und intensiven Ausdruck aus. Das NDR Elbphilharmonie Orchester grundiert die Lyrik des Sängers stimmig mit linearen Klangbildern und applaudiert dem Sänger schließlich genauso enthusiastisch wie das Publikum.

 Mit Tschaikowskys Pathetique steht nach der Pause eine Schlachtross des Klassikbetriebs auf dem Programm, das man nun ganz neu entdecken darf. Wie zuvor bei Dvorak offenbart sich dabei eine ungeheure Menge Details, und nebenbei darf man erfahren, wie unendlich leise ein Orchester-Pianissimo klingen kann, wenn man sich so gut wie Manfred Honeck darauf versteht. Im dritten Satz lässt es der Maestro dann allerdings auch einmal so heftig krachen, dass er Zwischenapplaus erntet und diesen halb erfreut, halb gequält über sich ergehen lässt. Den Riesenbeifall nach dem letzten Ton nimmt er dann freudestrahlend entgegen – auch vom Orchester.

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