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Wenn Steine zu sprechen beginnen

Marion Poschmann an der Muthesius-Kunsthochschule Wenn Steine zu sprechen beginnen

„Schläft ein Lied in allen Dingen ...“, wusste schon der romantische Dichter Eichendorff. Solchen „Liedern in den Dingen“ spürt auch Marion Poschmann in ihrem jüngsten Lyrikband Geliehene Landschaften nach, den sie in der Reihe „Sprachkunst“ im Kesselhaus der Muthesius-Kunsthochschule vorstellte.

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Brachte Sprachkunst ins Kesselhaus: Lyrikerin Marion Poschmann.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Der Titel des Bandes, in dem sie neun mal neun Lehrgedichte und Elegien „zu einer Art magischem Quadrat“ anordnet, bezieht sich auf japanische Gärten, deren Blickachsen so angelegt sind, dass ferne Landschaftsobjekte wie etwa ein Berg in den Garten einbezogen werden und so „das weit Entfernte herangeholt wird und sich das Nahe in die Ferne weitet“. Eine Technik, die Poschmann in ihren Gedichten nachvollzieht, indem sie die „geistigen Landschaften“ in den beobachteten Dingen buchstäblich „ent-deckt“ – im nur scheinbar Profanen eine geheime Poesie. Etwa in so genannten „Formsteinen“, die zu DDR-Zeiten gleichsam als Logo den Zweck von Bauten illustrierten. Im Kindergarten Lichtenberg, so auch der Titel eines der neun Kapitel, ist dies ein Mosaik aus Sichtbetonsteinen, in die ein stilisiertes Pappelblatt gegossen ist. In solchem „Plattenbaulaub, dem Abdruck einer Idee von Blatt“, findet die Dichterin die „Module einer magischen Kindheit“ widergespiegelt – und nicht zuletzt der Sprache selbst. Nicht anders in „Gelehrtensteinen“, in die das Wasser bizarre, aber zugleich organisch wirkende „Geschichten“ eingegraben hat – die Steine beginnen zu sprechen, wenn man nur genau hinhört.

 So schläft in den Dingen nicht nur ein Lied, sondern stets eine Art Lehre. Diese wie einst die Natur heraus zu modellieren, bedient sich Poschmann der Formen Elegie und Lehrgedicht, die – wie die japanischen Gärten – in ihrer Strenge dennoch leicht und schwebend anmuten. „Wer daraus lernt, bin in erster Linie ich“, sagt Poschmann über die „Erfahrungen beim Schreibprozess“, die sie im parallel zu den Geliehenen Landschaften entstandenen Essayband Mondbetrachtung in mondloser Nacht als Poetik formulierte. Wie die Gedichte ist das eine Anleitung, der Sprache der Steine und Dinge zu lauschen, was die Ratio nach der Romantik verlernt hat und hier neu lernen kann.

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