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Eine Frau in komischen Nöten

Marlene Jaschke im Kieler Schloss Eine Frau in komischen Nöten

Roter Kapotthut, beigefarbenes Kostüm, dickrandige Brille, geräumige braune Handtasche. Marlene Jaschke ist ganz die alte, wie sie da breit- und steifbeinig, in der Hüfte leicht nach vorn geknickt, auf die Bühne des sehr gut besuchten Kieler Schlosses stakst.

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Gleich biegt er sich weg: Marlene Jaschke nähert sich singend ihrem Pianisten Volker Griepenstroh.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Marlene Jaschke trägt einen Koffer, der im neuen Programm Nie wieder vielleicht noch eine tragende Rolle spielen wird.

Auf den Lippen hat sie das betagte Edith-Piaf-Chanson Je ne regrette rien. Ihr Pianist Volker Griepenstroh, halbe Stelle als Organist in der Hamburger St. Trinitatis-Gemeinde und in Frack und roten Socken, haut in die Tasten. Marlene Jaschke ringt mit Elan nach Tönen, insbesondere den hohen, verballhornt das Lied, baut Vokabeln wie „croissant“ und „balcon“ ein und fragt dann Knall auf Fall ins amüsierte Publikum: „Können Sie überhaupt Französisch? Ich auch nicht. Aber ich mag den Slang.“ Erster großer Lacher.

 Wie gesagt, äußerlich wirkt die Dame unverändert, aber innerlich schwer aufgewühlt. Ihr Arbeitgeber, der Schraubengroßhandel Rieger, Ritter Berger & Sohn, wird an einen Ägypter verkauft, und nun bangt die Chefsekretärin um die Weiterbeschäftigung. Und mit ihrem Schwarm, Buchhalter Siegfried Tramstedt, läuft es auch nicht wie erhofft. Bis es sich dann hier zum Guten (Übernahme), dort zum weniger Guten (Abblitzen) wendet, lässt Komikerin Jutta Wübbe ihre kultige Figur gekonnt durch den Abend lavieren – schwankend zwischen ulkig-penibler Betulichkeit, komischer Verzweiflung und exaltierter Überdrehtheit, dazu mit dieser unnachahmlich linkischen, exzentrischen Körpersprache.

 Griepenstroh ist ein wunderbarer Sidekick. Er sagt nur einen einzigen Satz an diesem Abend und der ist auf Chinesisch oder klingt zumindest so und wird noch nicht mal übersetzt. Aber die gemeinsamen Szenen mit dem Pianisten zählen zu den stärksten. Köstlich, wie er sich ewig verlegen windet, bevor er dem Wunsch seiner Bühnenpartnerin nachkommt, dem Publikum eben jenen chinesischen Satz zu „schenken“. Und wie er sich auf seinem Klavierschemel immer wieder von der aufgekratzten, aufdringlichen Marlene Jaschke wegbiegt und sie wachsam, ängstlich, mit starrem Blick beäugt.

 Marlene Jaschke spielt geschickt mit den Erwartungen, als sie nach der Pause nicht wie in Aussicht gestellt im imposanten, spanisch anmutenden Häkelkleid („da habe ich 40 Jahre lang dran gearbeitet“) erscheint, sondern dieses erst zur Zugabe und dann fast überraschend doch noch zum Libretto aus Bizets Oper Carmen vorführt. Zweimal steigt sie von der Bühne und greift sich ein paar Gäste heraus für harmlose Scherze oder bringt die Leute mittendrin mit einer Handvoll Witzen zum Quietschen. Ein Humor, der zwischen brav und grotesk pendelt und das Publikum zwei Stunden lang prima unterhält.

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