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Im Trommelfeuer

Martin Grubingers Workshop-Konzert Im Trommelfeuer

Würde man die Augen schließen und die Ohren offen halten, wovon hier mancher absieht, müsste man nicht lange raten. Klarer Fall, wir befinden uns inmitten der Kieler Woche und auf der Rathausbühne sind mal wieder ein paar Samba-Trommler angetreten, um für Stimmung zu sorgen. Doch weit gefehlt.

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Martin Grubinger (Mitte) und sein Ensemble mit den jungen Nachwuchstrommlern des Workshops.

Quelle: Axel Nickolaus

Neumünster. Tatsächlich sitzt man in einem Konzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals und wohnt einem lautstarken Einzug in die Neumünsteraner Holstenhalle bei.

 Nach krankheitsbedingter Verzögerung gibt Martin Grubinger hier am Sonntag seinen ersten von zahllosen SHMF-Auftritten. Mit dabei hat der österreichische Hochleistungsdrummer sieben Kollegen sowie rund 90 Nachwuchstrommler, die bei den Profis einen Mini-Workshop absolviert haben. Knapp acht Stunden Zeit hätten die zwischen neun und 19 Jahre alten Teilnehmer gehabt, um das Programm des Abends einzustudieren, bekennt Grubinger freimütig. Kein Wunder, dass das Repertoire bei einer so überschaubaren Präparation nicht übermäßig fordernd ausfällt.

 Dementsprechend geht es bei der Präsentation der Workshop-Ergebnisse vor allem um Stimmung, und für diese ist nicht zuletzt dank Grubingers routinierter Moderation vor und auf der Bühne im Handumdrehen gesorgt. „Super, so ein geiler Groove!“, kommentiert er die afrikanische Rhythmusarbeit der jungen Musiker, die zuvor die Besucher zum Mitklatschen und -fotografieren animiert hat. Dann geht die Reise auch schon weiter nach Kuba, dessen Trommeltraditionen im Laufe des Workshops ebenfalls gestreift wurden.

 Für High-End-Drumming sorgen zwischen den sympathischen Darbietungen der Amateure Grubinger und sein Ensemble The Percussive Planet. Bei dessen Umsetzung von Minoru Mikis Marimba Spiritual oder Matthias Schmidts Ghanaia dürften die Herzfrequenzwerte der Ausführenden ähnlich hoch ausfallen wie die teils abenteuerlichen Beats-per-minute-Zahlen der Werke. Ist das noch Musik oder schon Sport? Diese Frage stellt sich im Verlauf der adrenalingetriebenen und -treibenden Performance immer wieder.

 Für Herbie Hancocks Watermelon Man versammeln sich dann Lehrer und Schüler und präsentieren gemeinsam eine ansteckende Schlagwerk-Version des Jazzstandards, leidenschaftlich nachgetrommelte Soli inklusive. Wenig später tönen erneut Samba-Rhythmen durch die Halle, und so wie die kleinen und großen Trommler hier eingezogen sind, so ziehen sie für das Finale des von Beifallsstürmen begleiteten Auftritts auch wieder aus. „Wenn sie uns überlebt, überlebt sie alles“, hatte Grubinger in Richtung der frisch renovierten Holstenhalle augenzwinkernd bemerkt. Und wer ein solches Trommelfeuer heil übersteht, möchte man hinzufügen, dem kann in diesem Festival auch nicht mehr viel passieren.

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