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Skandinavischer Freigeist

Martin Tingvall im Kulturforum Skandinavischer Freigeist

Im nahezu ausverkauften Kieler Kulturforum greift der am Ende mit Beifallsstürmen bedachte schwedische Solopianist Martin Tingvall ganz tief in seine Kreativkiste und zaubert am Schimmel-Flügel eine abwechslungsreiche Siamese aus Klassik und Jazz hervor – „Klazz“.

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Mal besinnlich, mal wild: Martin Tingvall im Kulturforum.

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel. Das Programm speist sich aus seinen beiden bisher erschienenen Soloalben En Ny Dag und das erst in diesem Sommer veröffentlichte Distance, und im Saal lauscht das Publikum bei absoluter Stille seinen Ausflügen auf den 88 Tasten. Kein Räuspern und kein Hüsteln stört die „Klazz“-Darbietung. Es überwiegen ernste und schweifende Passagen, und diese bewegen sich mit ihrer Detailverliebtheit manchmal kurz vor Melancholie und Schwermut. Doch der künstlerische skandinavische Freigeist tut im nächsten Moment wieder alles, um mit seinen manchmal leicht andächtigen, dann auch mondänen Balladen bloß keine düstere Moll-Stimmung aufkommen zu lassen. Fast ein wenig verschmitzt driftet er dann ab in einen energiegeladenen Groove oder gewährt gar als Kontrast einen Blues. Solche Spannbreiten zwischen unterschiedlichen Temperamenten ziehen sich wie ein roter Faden durch die beiden Sets seines voller Verve dargebotenen Pianospiels.

 Zwischen den Stücken moderiert er gewitzt und erklärt den Ursprung des einen oder anderen Titels. Reisen zwischen Gemütern, Zeiten oder einfach nur den Kontinenten inspirieren Tingvall. Da ist es für ihn ganz egal, ob es mal nordisch geerdet für ein paar Tage nach Island geht und dann musikalisch Entschleunigendes daraus entsteht, oder ob beim heißen Zielort Zimbabwe ein rasantes Tastengewitter im Actionformat herauskommt. Der Wahl-Hamburger seit 1999 zieht aus diesen Trips seine Inspiration und lädt die Besucher ein, vor dem inneren Auge zu seinen Kompositionen die passenden Landschaftsbilder abzurufen. Songtitel wie Journey, Last Summer, The Stream, Quiet Days oder Open Land lassen bei Künstler wie Publikum dann alle nur erdenklichen Assoziationen sprießen. Unterm Strich ist genau das seine Herangehensweise: Kein überbordendes Spiel, aber auch kein monotones, vielmehr ein klug austariertes Tastenwerk, das die Zuhörer einlädt, aber dabei in keiner Weise einzwängt.

 Und für wen solche Einladung zum reinen Pianospiel vielleicht doch ein wenig zu nackt und eintönig daher kommt, für den gibt es ja noch den klanglichen Dreizack, das hochdekorierte und seit mittlerweile zwölf Jahren aktive Tingvall Trio mit Schlagzeug und Kontrabass – übrigens am 16. und 17. Dezember gleich zwei Tage nacheinander in der Hamburger Fabrik im Einsatz.

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