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Zauberhafte Tristesse

Schads Ensemble im Sechseckbau Zauberhafte Tristesse

Die Kieler Theaterszene ist seit diesem Wochenende um eine Facette reicher: Das Schads Ensemble begeisterte im Sechseckbau mit seinem Maskentheater "Im Tannengrund 1".

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SCHADSensemble - Probe "Im Tanngrund 1" - Elena Schmidt-Arras (rote kurze Haare) - Linda Stach (blond) - Christina Dobirr (dunkel, Pferdeschwanz)

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Kiel. Kiel. Die Theaterszene in Kiel ist seit dem Wochenende um eine Facette reicher: Das Schads Ensemble hat die Bühne betreten und zeigte mit seinem wunderbar gelungenen Einstand im Sechseckbau des Studentenwerks, dass Theater auch ohne Worte ans Herz gehen kann. Inspiriert von der Berliner Gruppe Familie Flöz haben Elena Schmidt-Arras, Linda Stach und Christina Dobirr sich ans Maskentheater gewagt. In ihrem Stück Im Tannengrund 1 erzählen sie eine poetische, melancholisch-komische Geschichte von zwei Schwestern, die ihr einsames Dasein in einem Gästehaus ohne Gäste fristen, bis ein Landstreicher ihre Zweisamkeit gehörig aufmischt. Keine Sekunde Langeweile kommt auf in dem unangestrengten Spiel, das körperbetont ist, ohne pantomimisch zu sein.

 Kurz sind die Szenen, die den Alltag der Schwestern beleuchten. In der spießigen Gaststube, die bei aller Tristesse eine liebevoll ordnende Hand verrät, vergehen ihre Tage mit Essen, Putzen, Fernsehen und Streiten. Gleich der erste Auftritt offenbart die Verschiedenheit der Temperamente. Bibi (Elena Schmidt-Arras) ist die Resolute, Hemdsärmlige. Mit selbstbewusst hochgerecktem Haupt betritt sie die Bühne, gefolgt von der verhuschten Babsi (Linda Stach), die fahrig ihre dünnen Haarsträhnen ordnet und mit dem Handstaubsauger alles absaugt, was nicht niet- und nagelfest ist. Während eines Kartenspiels, das zum ritualisierten Zeitvertreib gehört, entspinnt sich schnell eine erste Kabbelei. Dann also lieber Fernsehen. Doch auch hier will kein rechter Friede einkehren.

 Die Größe der Masken, die so windschief modelliert sind, dass sie bei wechselnder Beleuchtung ein lebendiges Mienenspiel suggerieren, zwingt die Schauspielerinnen zu übertrieben ausgeprägten Neigungen des Kopfes, was die angedeuteten Emotionen komisch unterstreicht. Vielsagend lang sind die Blicke beim Kampf um die Fernbedienung, der im Kompromiss ein harmonisches Ende findet: Vor einem Liebesfilm kuscheln sich die Kampfhennen in trauter Eintracht aneinander, denn eigentlich mögen sie sich doch. Neues Ungemach droht mit dem Erscheinen des Landstreichers, den Christina Dobirr mit maskuliner Breitbeinigkeit auf die Bühne stemmt. Im Sturm erobert er die Herzen der Frauen, die in komödiantisch sehenswertem Wettkampf um die Gunst des Gauners eifern. Dabei wechseln rasant pointierte, manchmal urkomische Szenen mit Momenten anrührender Zartheit. Zauberhaft.

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Ein Artikel von
Sabine Tholund

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