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Vom Orient im Okzident

Mathias Énard im Literaturhaus Vom Orient im Okzident

Das (enge) Verhältnis von Orient und Okzident ist das Thema des komplexen, ungeheuer klugen Romans „Kompass“, den Mathias Énard im Kieler Literaturhaus vorstellte.

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„Die schönen Beziehungen in Literatur, Musik und Kunst helfen vielleicht, neue Hoffnung zu finden.“ Mathias Énard über seinen auch politischen Roman „Kompass“.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Als er vor drei Jahren zum ersten Mal ins Literaturhaus kam, hatte Mathias Énard seinen Roman Straße der Diebe im Gepäck, der von illegalem Leben und Islamismus in seiner Wahl-Heimat Barcelona erzählt. Nach Zone (2008), dem 500 Seiten starken Ein-Satz-Monolog eines Veterans des Jugoslawienkrieges, ist 2015 Kompass erschienen. Der Roman wurde mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet. Am Montagabend stellte der 44-Jährige ihn auf Einladung von Literaturhaus, Centre Culturel Francais und der Deutsch-Französischen Gesellschaft vor.

 „Kompass steht für Orientierung, das bedeutet etymologisch: den Orient finden“, so der Autor, der mehrere Jahre in Damaskus, Beirut und Teheran gelebt hat, in fließendem Deutsch. Sein Buch taucht tief ein in die wechselvolle Geschichte zwischen Ost und West und zeigt Verbindungslinien auf, die von der Vergangenheit bis in die Gegenwart reichen. Im Zentrum steht die Figur des Wiener Musikwissenschaftlers Franz Ritter, der sich nach einer beunruhigenden medizinischen Diagnose während einer schlaflosen Nacht an jene Orte zurück träumt, zu denen ihn seine Forschungsreisen geführt haben.

 Istanbul, Aleppo, Damaskus: Die Städte sind für Ritter auch mit Erinnerungen an seine große Liebe verbunden – die Orientalistin Sarah, die ihm immer wieder zeigt, wie sehr die heute so weit von einander entfernt geglaubten Welten durchmischt sind. „Diese eine schlaflose Nacht ist für ihn wie Tausendundeine Nacht“, sagt Énard, der mit dem Buch versucht, „ein Gemälde über die Beziehungen zwischen Orient und Okzident während der letzten 200 Jahre zu entwerfen.“ Erstaunliche Verbindungen hat er entdeckt, vor allem im kulturellen Bereich. „Der Roman ist wie eine große Reise, die von Wien, dem Tor zum Orient, über die Türkei und Syrien immer weiter nach Osten führt. Durch diese Reise lernt man immer mehr über die Wechselbeziehungen zwischen Ost und West.“

 Verfasst hat Énard das Buch während der letzten fünf Jahre – unter anderem in dem heute verwüsteten Aleppo. „Es ist daher auch ein politischer Roman. Ich habe ihn geschrieben, um durch die Flammen zu sehen. Die schönen Beziehungen in Literatur, Musik und Kunst helfen vielleicht, neue Hoffnung zu finden.“ Der Autor ist überzeugt, dass der Westen ein selbst entworfenes Bild vom Orient und vom Islam „instrumentalisiert“, um sich der eigenen Überlegenheit zu vergewissern. „In den westlichen Medien findet man nichts von der Vielfalt der arabischen Welt und des Islam, der hier Synonym für Gewalt und Terror ist.“ Dabei gebe es mit der Globalisierung „immer mehr Orient im Okzident und umgekehrt.“ Für Mathias Énard ein guter Grund zum Umdenken: „Genauso normal, wie wir es empfinden, wenn die Dinge, die uns umgeben, aus fernen Ländern kommen, sollten wir es finden, dass die Menschen in unserer Umgebung aus der ganzen Welt stammen.“

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