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Zwischen Freibad und Freiheit

"Das Tierreich" im Werftpark-Theater Zwischen Freibad und Freiheit

Das Leben ist eine Casting-Show. Vor allem, wenn man Teenager ist. Also kommen sie herein wie auf dem Laufsteg, drehen ihre Runde, werfen sich in Pose und verheißungsvolle Blicke über den Bühnenrand. Sich zeigen und gesehen werden, oder eben nicht.

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Leben wie in einer Casting-Show: Szene aus „Das Tierreich“ mit von links Fenja Schneider, Julius Ohlemann, Eirik Behrendt, Marie Kienecker, Johanna Kröner und Jost op den Winkel.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Darum geht es in Das Tierreich, das Regisseur Matisek Brockhues im Werftpark-Theater auf die Bühne bringt. 21 Jugendliche ziehen in dem Sommerreigen, den das junge Autorenduo Jakob Nolte und Michel Decar in seinem preisgekrönten Stück in erzählten Szenen und gespielten Short Cuts durchspielt, ihre Kreise, beäugen und touchieren sich, bleiben aneinander kleben oder ziehen achtlos aneinander vorbei.

 Regine, die Bestimmerin, die Johanna Kröner so beängstigend verspannt zeigt. Nele, die in Gestalt von Marie Kienecker den Federball so unnachahmlich locker aus der Hüfte schlägt. Vincent, den Jost op den Winkel breitbeinig kotzbrockig aufs Mofa setzt. Oder Eirik Behrendts zwischen cool und Kumpel flirrender Jasper: „Ich hasse Reclamhefte.“ Brockhues zeigt die Jugendlichen in ihrem angestammten Sommer-Biotop, das Bühnenbildnerin Sibylle Meyer schön offen und minimalistisch zwischen Freibad und Freiheit eingerichtet hat, mit reichlich Klapptüren und Barhockern in Eisdielenfarben.

 Hier machen sie Party, rauchen, quälen Chinchillas, spielen Badminton, Feldhockey oder in einer Mädchenband. Es wird gebalzt und getratscht; es gibt Konkurrenzen und Allianzen, Küsse und Abgeblitzte. Und die sechs Schauspieler wechseln allesamt so ansteckend spielfreudig wie mühelos durch Jacken, Sonnenbrillen, Rollen und Attitüden, sind stets anders und immer auch ein bisschen gleich im Wundern an sich selbst – wie alle Jugendlichen.

 Das ergibt ein illustres Typenarsenal, auf dessen Ausgestaltung sich die Regie liebevoll und mit Lust am Detail konzentriert. Schnell, aufgekratzt, witzig und fantasievoll – und manchmal auch ein bisschen wie das Schaulaufen in einer Nummernrevue.

 Mittendrin fällt aber auch ein Leopard-II-Panzer vom Himmel, erzählt Niko von der Lust zu töten, verliert Lilli beim Autounfall ein Bein. Darüber geht das Spiel so locker hinweg wie die jugendlichen Protagonisten, die länger über die doofe Freundin grübeln als über das Nahost-Problem. Natürlich, dürfen sie ja auch. Aber Nolte und Decar haben durchaus solche beiläufigen Irritationen in den Text eingebaut, an denen der lockere Fluss für den Zuschauer mal zum Stillstand kommen, die Inszenierung kleine Widerhaken setzen könnte.

 Ein Schauspielerfest bleibt der Abend trotzdem, mit schön farbig hingepinselten Minidramen zwischen Protest und Ich-Suche. Wenn Johanna Kröner dem Identitätswirrwarr der Zwillinge Franziska und Elisabeth Natural-Born-Killers-Tendenzen einimpft. Wenn Fenja Schneider (mit Sandra-Bullock-Charme) und Julius Ohlemann Babett und Heiner so tragikomisch verpeilt über den ersten Kuss grübeln lassen, bis die Stimmung tot ist. Oder wenn die drei Frauen die Bandprobe zum Zickenalarm steigern, gniedeliges Gitarrensolo (Marie Kienecker) inklusive. Ist halt doch ein bisschen echter als die Casting-Show, das Leben.

Theater im Werftpark: 27. Februar, 4., 11., 17. März. Kartentel. 0431/901901, www.theater-kiel.de

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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