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Meister mit Licht und Schatten

Maurizio Pollini beim SHMF Meister mit Licht und Schatten

„Maurizio Pollini gilt als der bedeutendste Pianist Italiens nach Arturo Benedetti Michelangeli“ resümierte 2008 das spannende Buch Pianistenprofile. Zum zweiten Mal nach 2013 gastiert der mittlerweile 73-jährige weltberühmte Pianist beim SHMF in der sehr gut besuchten MuK, wird bejubelt, stehend gefeiert und gibt zwei späte Beethoven-Bagatellen zu (op. 126 Nr. 3 und 4).

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In der Muk vom Festivalpublikum stehend gefeiert: Der 73-jährige weltberühmte Pianist Maurizio Pollini.

Quelle: Axel Nickolaus

Lübeck. Da liegt ein nicht überlanges, doch anspruchsvolles Programms hinter ihm, bei dem Schönbergs Klavierstücke op. 11 und 19 von Beethovens Sonaten d-Moll op. 31 Nr. 2 (Sturm), Fis-Dur op. 78 und f-Moll op. 57 (Appassionata) eingerahmt werden.

 Reden wir nicht darum herum: Der Abend hat Licht und Schatten. Und er lässt uns fragen, wie wir mit älteren Künstlern umgehen, was sie uns geben können, was wir von ihnen erwarten, nachdem sie uns Jahrzehnte lang musikalisch begleitet und bereichert haben. Es gibt ja unterschiedliche Hörertypen. Die einen berechnen sich den Quotienten aus einem Minus an Rasanz und dem Plus an falschen Tönen und fragen notfalls lauthals, ob der- oder diejenige wirklich noch spielen müsse – gegen Geld. Andere genießen die Aura berühmter Namen. Wieder andere erinnern sich dankbar an einstige Konzerterlebnisse, sind froh, ihre Lieblinge wieder erleben zu dürfen und hören gern über kleine Schwächen hinweg. Man kann und sollte aber auch fragen, was uns ältere Pianisten aus ihrer langen Interpretationserfahrung heraus heute zu sagen haben – Dinge vielleicht, auf die manch junger Shootingstar nie käme. Und natürlich fordert auch die Musik selbst ihr Recht.

 Maurizio Pollinis Klavierabend kennt Sternminuten, in denen das Lübecker Hier und Jetzt und die Erinnerung an einen pianistisch vollkommenen, manchmal als ausdrucks-distanziert, doch nie als lauwarm beschriebenen Künstler übereinstimmen: Das Adagio der Sturmsonate gelingt in faszinierender Klarheit, mit überzeugender Klangstaffelung (die dem 1. Satz noch so sehr fehlte). Schönbergs auch heute noch frappierende Klavierstücke setzt Pollini seit Jahrzehnten immer wieder aufs Programm. In der MuK spielt er sie mit fast romantischer Freiheit, die die Strenge der Musik in Poesie wandelt.

 Daneben gibt es Pollini, den Unerbittlichen. Der geht die Finalsätze beider Moll-Sonaten fast atemlos, ohne Rücksicht auf sein inzwischen anfälligeres Finger-Rüstzeug an. Und es gibt Pedalnebel, ausfransende Figurationen. Sprechende Pausen dagegen sucht man oft vergebens – der Rhythmus ist häufig arg auf Kante genäht. Und der Charme, die Leuchtkraft der Passagen in der Fis-Dur-Sonate – wo sind sie hin? Licht und Schatten liegen an diesem Abend manchmal nur einen Satz, ja wenige Takte auseinander.

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