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Zwischen Politur und Patina

Max Raabe und das Palast Orchester in Kiel: Zwischen Politur und Patina

Wenn ein Konzert am letzten Tag der Woche um 18 Uhr beginnt, kann man vorher noch gut bei Oma Kaffee trinken, sie mit ins Kieler Schloss nehmen und vor Einbruch der Dunkelheit wieder zuhause abliefern. Lässt man den Blick am Sonntag durchs gutbesuchte Kieler Schloss schweifen, gewinnt man den Eindruck, dass es hier und da wohl auch so gewesen sein wird beim Auftritt von Max Raabe und seinem Palast Orchester.

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Im Sound der Zwanziger- und Dreißigerjahre: Max Raabe und sein Palast Orchester mit ihrem Programm „Eine Nacht in Berlin“ im Schloss

Quelle: mwe: Manuel Weber

Kiel. Mancher Gast wird das gebotene Liedgut tatsächlich noch aus seinen Kindertagen kennen, doch auch für Spätgeborene bietet der Auftritt zumindest mittelbar ein Nostalgieerlebnis. Wie immer zeichnet der Meister auch im aktuellen Programm „Eine Nacht in Berlin“ dafür verantwortlich, dass es dabei formvollendet zugeht. Nicht ein Lächeln huscht im Laufe des zweistündiges Auftritts über das ironisch-melancholische Gesicht des großen Blonden vor dem Klavier, der den Abend mit dem Hit Kleine Lügen beginnt und seinem Publikum dann verspricht: „Wir werden Ihnen heute auf jeden Fall nur die Wahrheit sagen – zumindest im Kern.“

 Ganz genau nimmt es der 53-Jährige tatsächlich nur bei der Ansage der Stücke. Komponist, Texter und Jahreszahl sind Pflicht und sitzen so perfekt wie die Anzüge seiner Musiker. Und so souverän wie Raabe seinen Bariton auf Zeitreise gehen lässt, imitiert auch das Palast Orchester perfekt den Sound der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Das Programm ist dabei buntgemischt und in alle Richtungen offen. Zu Frauen sind so schön, wenn sie lieben rollt der Meister stilecht das R und gibt im Refrain den Tenor, bei Mein Gorilla wirkt sein Timbre dann wieder dunkel und schattig.

 Es sind nicht übermäßig viele Facetten, über die sein in Schönheit gereiftes Organ verfügt, aber diese weiß Raabe meisterlich einzusetzen. Ganz ähnlich verhält es sich bei seinem Orchester, dessen sorgfältig entwickelter Klang bei einer Ballade ebenso unverkennbar ist wie im Uptempo-Bereich. Aber indem Bassist Bernd Dieterich sein Instrument mitunter auch gegen das Sousafon oder Gitarrist Ulrich Hoffmeier das seine gegen das Banjo austauscht, gibt es doch immer wieder neue Akzente zu entdecken.

 Für solche sorgt auch immer wieder Geigerin Cecilia Crisafulli, etwa mit einer neckisch-kantablen Improvisation in George Gershwins I Got Rhythm. Für die wunderbar valiumschwere Version von Friedrich Hollaenders Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt wechselt Raabe in die Wir-Form und lässt sich von vier seiner Bläser begleiten, die auch als Sänger eine gute Figur machen. Und zur Zugabe am Ende eines runden Abends bleibt natürlich auch der Kleine grüne Kaktus nicht aus. Großer Applaus. Schön war die Zeit!

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