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Sehnsucht nach der See

Lisa Hoffmann fotografierte an Bord eines Frachters Sehnsucht nach der See

Gibt es eine Meersucht? Lisa Hoffmann, Fotografin, Muthesius-Absolventin und Meer-Fan fragte sich das. Eine Frage, die vieles nach sich zog: mehrere Arbeitsaufenthalte auf Container-Frachtschiffen, lebensverändernde Entscheidungen und nicht zuletzt einen Kunstband und eine Fotoausstellung mit dem Titel „Meersucht – an Bord der MV Atlantic Companion“, die noch bis zum 10. Juli im Glasraum der Muthesius Kunsthochschule zu sehen ist.

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Der Frachter verlässt den St. Lawrence Gulf nördlich Neufundlands in Richtung Nordatlantik — ein Motiv vom Januar 2014.

Quelle: Lisa Hoffmann

Kiel. Den Zug zum Meer hat Lisa Hoffmann selbst schon früh gespürt: „An meinem 18. Geburtstag habe ich morgens den Führerschein gemacht und abends bin ich nach Kiel gezogen“, erzählt sie lächelnd, und man meint, ihr die eigene Verwunderung über den Drang zum Wasser anzusehen. Denn Hoffmann stammt nicht von der Küste, sondern aus dem westfälischen Bocholt. In Kiel absolviert sie zunächst eine Ausbildung zur Fotodesignerin, nimmt später das Studium an der Muthesius-Kunsthochschule auf. Im Rahmen eines gemeinsamen Projektes „Ozean der Zukunft“ mit dem Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung ergibt sich die Gelegenheit für sie, der Frage nach der Meersucht endlich auf den Grund zu gehen. Im Januar 2014 geht sie an Bord der „MV Atlantic Companion“, eines schwedischen Frachters. „Eine klassische Reportage hatte ich nicht im Sinn, ich wollte das Leben an Bord wirklich mitleben“, sagt sie. „Schon nach einem Tag im Maschinenraum habe ich dann gemerkt, das ist genau mein Ding.“ Das Miteinander innerhalb einer Männercrew schreckt sie nicht: „Der Ton an Bord ist rau, aber herzlich.“ Die Kamera ist immer dabei: „Lieber bekommt die Kamera bei mir mal einen Kratzer ab, dafür dokumentieren die Aufnahmen genau das, was ich in dem Moment erlebt habe.“

 Beeindruckende Fotografien sind so entstanden: Aussichten von Bord auf brüchige Eisflächen, vernebelte Horizonte, Eindrücke von Weite und Isolation, aber auch Ansichten des harten Arbeitsalltags, müde Gesichter. Das Leben in dieser hermetisch abgeschlossenen Welt mit ihren klaren Strukturen, isoliert von allem, aber umgeben von Weite, wirkt auf Lisa Hoffmann wie ein Nach-Hause-Kommen. Schon bald bricht sie ihr Studium ab und heuert als Maschinenkadettin an. Wieder an Land, kann sie es kaum erwarten wieder an Bord zu gehen.

 Zweimal fährt sie mit der „MV Atlantic Companion“ von Kanada nach Göteborg und zurück, die dort gewonnenen Einblicke fasst sie auch in kurze Texten, wie den über die hautnahe Begegnung mit Walen während einer Notfallübung, aber auch in Interviews mit anderen Crew-Mitgliedern. Eine weitere Fahrt, diesmal auf einem anderen Schiff, auf dem sie eine Ausbildung zur technischen Offiziersassistentin beginnt, verläuft weniger positiv: „Ich wurde sehr krank, musste als Seenotfall gerettet werden.“ Zurück in Deutschland beendet Lisa Hoffmann doch noch das Studium, das Projekt auf See wird ihre Master-Thesis.

 Der Glasraum in der Muthesius Kunsthochschule ist trotz des Sommerwetters und der Kieler Woche voller Menschen, als sie ihr Buch vorstellt, umgeben von ihren Bildern. Ihre Geschichte fasziniert. Für die Zukunft möchte die 27-Jährige beides verbinden, hat sich selbständig gemacht als Fotografin für Seefotografien. Hat sie schließlich eine Antwort auf die Frage nach der Meersucht gefunden? Lisa Hoffmann: „Ich würde es nicht mehr Sucht nennen, das Wort ist einfach zu negativ besetzt, aber eine Sehnsucht ist es definitiv.“

 „Meersucht“, Ausstellung bis 10. Juli, Muthesius-Kunsthochschule, Glaskasten. Buch im Muthesius Verlag Kiel 2016, 224 Seiten, 149 Fotografien, 35 Euro.

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