16 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Berlin als Mekka für Stimmfetischisten

Deutsche Oper Berlin Berlin als Mekka für Stimmfetischisten

David Aldens Neuinszenierung der „Hugenotten“ an der Deutschen Oper Berlin ist ein Mega-Ereignis, für die oft von weither angereisten Opern-Fans ebenso wie für verwöhnte Stimmfetischisten, denen das Allerfeinste gerade gut genug ist.

Voriger Artikel
Lesia Mackowycz singt "My Fair Lady"
Nächster Artikel
Hamburger Musikpreis "Hans"in der Markthalle

Eine Szene aus der Berliner Neuinszenierung von Meyerbeers Grand Opéra "Die Hugenotten".

Quelle: Bettina Stöß

Berlin. Giacomo Meyerbeers kolossale, 1836 in Paris uraufgeführte Grand Opéra würde, spielte man sie vollständig, bis zu sechs Stunden dauern. Sie verlangt allen Beteiligten, besonders aber den fünf Darstellern der Hauptrollen Spitzenleistungen ab. Der Deutschen Oper Berlin ist es gelungen, nicht nur hochkarätige Sänger wie Juan Diego Flórez oder Patrizua Ciofi sondern auch einen Top-Regisseur und den weltweit gefragten Dirigenten Michele Mariotti für diesen großen Meyerbeer-Event zu engagieren.

 David Alden ist bemüht, dem Publikum in der hier gespielten fünf-stündigen Fassung der „Hugenotten“ – man hat also möglichst wenig gekürzt – eine unterhaltsame, dem Collagecharakter der Musik entsprechende Vielfalt an Eindrücken zu bieten. Einflüsse von Rossini, Bellini und Berlioz, aber auch von Mozart sind allenthalben zu hören. Alden folgt der Struktur des Stückes so genau wie möglich, um die Kontrastdramaturgie Meyerbeers wirkungsvoll zur Geltung kommen zu lassen. Obwohl die Oper 1572 in Paris zur Zeit der Bartholomäusnacht (dem grausamen Höhepunkt der blutigen Religionskriege in Frankreich) spielt, möchte sich Alden für seine Inszenierung nicht auf eine konkrete Epoche festlegen. Auch die im Programmheft abgedruckten Fotos vom Bürgerkrieg in Nordirland verweisen auf die Tatsache, dass religiöser Fanatismus nach wie vor Fürchterliches anrichten kann.

 Mit Liebe zum Detail schildert Meyerbeer in den ersten beiden Akten die Feier des Grafen von Nevers anlässlich seines Junggesellenabschiedes, den elegante Auftritt des jungen Hugenotten Raoul, die von seinem Diener Marcel ausgehenden Provokationen, das souveräne und liebenswerte Erscheinen der Königin Marguerite und vieles mehr – das ist oft langatmig und nicht sonderlich spannend. Dann aber schlägt der Tonfall um. Die Musik wird dramatischer, tragischer und härter. Aber auch bewegender und sinnlicher. Was für eine kluge Dramaturgie der Steigerung! Alden und seinem Bühnenbildner Giles Cadle sind besonders in den letzten drei Akten der „Hugenotten“ spektakuläre Bühnenbilder gelungen, die aber sehr wohl dem Verständnis der Oper dienlich sind: Der Auftritt der in rot gekleideten Königin auf einem weißen Pferd, die unheimliche, von Fanatismus pervertierte Atmosphäre während eines Gottesdienstes, die abstoßende Verschwörungsszene entsprechend dem Motto „Dieu le veut“ und schließlich die feige Ermordung der Hugenotten unter lichterloh brennenden Holzkreuzen – diese Bilder prägen sich dem Zuschauer unauslöschlich ein.

 Schon gleich im ersten Akt kann Juan Diego Flórez als naiver, junger Raoul die Herzen des Publikums gewinnen, wenn er in herrlichstem Belcanto von seiner Begegnung mit einer ihm unbekannten Dame von großer Schönheit berichtet: „Plus blanche que la blanche hermine“. Pures Stimmgold verströmt er in dem anrührenden, innigen Liebesduett mit Valentine im vierten Akt. Hier geht sein kerniger, leicht metallisch klingender und ungemein beweglicher Tenor eine harmonische Verbindung mit dem strahlenden Sopran der Olesya Golovneva ein. Patrizia Ciofi ist eine Autorität ausstrahlende Königin und zugleich auch eine verliebte Frau. Das hört man auch in ihrer samten und lyrisch eingefärbten Stimme. Dass sie ihrem Sopran aber auch Brillanz und leichtfüßige Koloraturen abverlangen kann, ist umso erstaunlicher. Marc Barrard als honoriger Graf von Nevers kann mit seinem frei strömenden, klangschönen Bariton punkten, und Ante Jerkunica begeistert als aufrechter, aber eben auch starrköpfiger Marcel, der seinen dunklen Bass effektvoll einzusetzen vermag.

 Was für ein Glücksfall, dass der aus Rossinis Geburtsstadt Pesaro stammende Michele Mariotti für diese Produktion gewonnen werden konnte! Er verbindet in seinem Dirigat Eleganz mit Dramatik und achtet darauf, dass das Orchester der Deutschen Oper Berlin nicht zu massiv spielt und so die Stimmen zudeckt. Meyerbeers dicke Instrumentierung könnte leicht dazu verführen. Frenetischer, nicht enden wollender Applaus!

www.deutscheoperberlin.de

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3