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Mit etwas Duft obendrauf

Michael Sanderling in der SHMF-Orchesterakademie Mit etwas Duft obendrauf

„Bin ich froh, dass ich überflüssig bin“, lächelt Michael Sanderling ins Orchestertutti. Gerade hat er mit dem Ausruf „Ich bin nicht da! Hinhören ist angesagt!“ die Dirigentenarme hinter dem Rücken verschränkt und lässt die besonders rasante fünfte Variation aus Johannes Brahms’ kunstvollen Haydn-Variationen op. 56a ungesteuert abschnurren. Nur ein hindeutendes Kopfnicken kann er sich hier und da nicht verkneifen.

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So schön kann Brahms klingen: Michael Sanderling probt mit dem Festivalorchester in der Thormannhalle.

Quelle: Axel Nickolaus

Büdelsdorf. Und siehe da, die unvermeidlich gespanntere gegenseitige Aufmerksamkeit im sich selbst (er)findenden Festivalorchester 2016 zeitigt passable Ergebnisse. Die überallhin oder im besten Fall parallel flitzenden Stimmenfäden der Vivace-Variation sind bereits „beinahe zusammen“, stellt der langjährige Chefdirigent der Dresdner Philharmonie zufrieden fest – ein Beinahe, „das überall auf der Welt passiere“.

 Michael Sanderling verbindet viel mit der Orchesterakademie des SHMF. Vor 20 Jahren beendete er gerade mit ihr unter der Leitung seines Vaters, der ostdeutschen Pultlegende Kurt Sanderling (1912-2011), seine unter Kurt Masur im Leipziger Gewandhausorchester gestartete Karriere als vielgerühmter Violoncello-Solist. In Salzau tauchte er, wie seine Mutter, einst mehrfach als Coach für die tiefen Streicher auf. Zuletzt leitete er 2014 sehr erfolgreich eine Arbeitsphase in Büdelsdorf.

 Jetzt erlebt man sein intensives Bemühen, Brahms’ vielfältige Beleuchtung eines sakral angehauchten Divertimento-Themas (Chorale St. Antoni) aus der Feder des SHMF-Schwerpunktkomponisten Joseph Haydn mit geschärften Punktierungen, sauberer Intonation, sprechenden Bewegungsmodellen und reich gestaffelten Lautstärkegraden in historisch korrekter, „altdeutscher“ Orchesteraufstellung (mit stereophon links und rechts vorn verteilten Violinen, Bässen und Celli links) möglichst präzise aufzufächern.

 Im Orchester ist das Echo entsprechend positiv: „Er arbeitet wunderbar genau“, heißt es da gleich von mehreren der weltweit unter 1722 Bewerbern ausgewählten 108 Musiker aus 25 Nationen. Hinzu kommen, in aller Dezenz angebracht, atmosphärische Tipps wie „große Orgel“, „hier bitte schwärmen“, „mysteriös“, „nicht zu deutsch“, „Grazioso feminino“ oder „noch etwas Duft obendrauf“.

 Auch Hausherr Hans-Julius Ahlmann freut sich in seiner Thormannhalle über einen „spürbar aufgeschlossenen“ Jahrgang auf der Bühne, dessen Mitglieder auch gleich Sinn für die Kunst der Nordart nebenan gezeigt hätten. Agnes Monreal, die neue organisatorische Leiterin der Orchesterakademie würde das vermutlich bestätigen, hat aber auch Grund, disziplinarisch bei der „Digital Generation“ einzuschreiten: Sie weißt charmant, aber bestimmt darauf hin, dass während der Probe Mobiltelefone nicht die geringste Einsatztoleranz der geladenen Dirigenten erwarten dürfen ...

 Michael Sanderling hat derweil wieder ein „Pianissimo leggiero“ des raffinierten Brahms in Arbeit. Auf keinen Fall möchte er, dass in einer langen Kette dort einzelne Töne herausstaksen: „Ihr müsst halt üben, die vorlauten Kandidaten gar nicht zu spielen – und werdet überrascht sein, dass man sie trotzdem hört.“

 

  Proben und Konzerte der Sanderling-Phase

 Michael Sanderling erarbeitet neben den „Haydn-Variationen“ Brahms’ „Erste Symphonie“ sowie ein Hornkonzert von Haydn (mit dem Solisten Felix Klieser). Öffentliche Proben in der ACO Thormannhalle Büdelsdorf heute 10 bis 13 und 16 bis 19 Uhr, morgen 10 bis 13 Uhr (aktuelle Info: www.shmf.de/oa). Öffentliche Generalprobe morgen, 13. Juli, 20 Uhr, Büdelsdorf.

 Konzert (mit Verleihung des Bernstein Award an Felix Klieser) am 14. Juli, 20 Uhr, in der Lübecker Musikhalle. Weiteres Konzert am 15. Juli, 20 Uhr, im Kieler Schloss. Karten: Tel. 0431 / 23 70 70. www.shmf.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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