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„Serienkiller werden überschätzt“

Michael Tsokos „Serienkiller werden überschätzt“

Der Tatort war klug gewählt. „Ein gutes Buch soll sein wie ein Film“, sagt Michael Tsokos im Anschluss an die Lesung im große Saal 1 des Studio-Kinos, wo er seinen bei Droemer Knaur erschienenen True Crime Thriller Zerschunden gerade vorgestellt hatte. Tatsächlich war es mehr eine Show, denn eine Lesung.

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Er weiß, wovon er spricht: der in Kiel geborene Michael Tsokos ist Deutschlands bekanntester Forensiker.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Auf jeden Fall brauchte man für das, was sich zwischen den Seiten und auf der Leinwand abspielte gute, sehr gute Nerven.

Der als Sohn eines griechischen Schiffsoffiziers und einer deutschen Medizinassistentin 1967 in Kiel geborene Michael Tsokos ist nämlich Deutschlands bekanntester Forensiker. Er leitet das Institut für Rechtsmedizin der Berliner Charité und das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin. Seine wissenschaftlichen Bücher über spektakuläre Fälle aus der Rechtsmedizin sind allesamt Bestseller. Über 200000 Leichen habe der verheiratete Vater von fünf Kindern nach eigenen Angaben bereits gesehen. Einige davon drückte er dem Publikum im sehr gut gefüllten Kinosaal durch seinen ersten fiktionalen, aber „zu 80 Prozent auf wahren Begebenheiten, authentischen Fällen und echten Ermittlungen“ beruhenden Krimi nachhaltig ins Gemüt.

Nicht nur die Textpassagen sind hart

Zunächst regieren im Lichtspielhaus aber die Bilder. In Form eines Kunst-Comics und einer Stimme aus dem Off wird der Plot des Buches vorgeführt. Ein brutaler, unberechenbarer Serienkiller, der europaweit in der Nähe von Flughäfen zuschlägt, tötet vorzugsweise alleinstehende alte Frauen, auf deren Körper er seine ganz persönliche Signatur hinterlässt. Tsokos’ alter ego, der Rechtsmediziner Fred Abel vom Bundeskriminalamt, wird mit dem Fall betraut. „Es wird schrecklich, aber nicht so schrecklich“, schmunzelt der smarte, blendend aufgelegte Gastgeber. Damit bereitet er das Publikum nicht nur auf das Buch, sondern auch auf die folgenden nunmehr dokumentarischen Bilder aus seinem Berufsalltag und der forensischen Routine vor. Denn nicht nur die Textpassagen sind hart.

Ein Mediziner begeistert sich für seinen Beruf

Tatortfotos mit den echten Opfern verstören durch ihre entmenschlichte Sachlichkeit. Das alles steigert den Authentizitätsanspruch des gemeinsam mit Schriftsteller Andreas Gößling verfassten ungemein spannenden Werks und unterstreicht gleichsam die Begeisterung eines Mediziners für seinen außergewöhnlichen Beruf. „Hand aufs Herz, in Wahrheit wird der Serienkiller überschätzt. Er ist in den seltensten Fällen besonders intelligent und fast nie steckt eine große Idee hinter seinen Taten. Er ist einfach so desorientiert, dass es für normale Menschen nicht mehr nachvollziehbar ist“, erklärt Tsokos, nachdem er unzählige Bücher signiert hat.

Aber warum das ungebrochene Interesse an extrem grausamen Verbrechen? Der Forensiker erklärt, dass der Tod die Menschen schon immer fasziniert habe. Ein Serienkiller potenziere diesen Reiz, weswegen auch der Beruf des Rechtsmediziners heute En Vogue wie nie sei. „Ich glaube, die Menschen mögen den wohligen Grusel dieser Geschichten, aber auch die Möglichkeit, einfach wegzusehen, wenn es reicht. Diese Möglichkeit haben die Rechtsmediziner natürlich nicht. Wenn wir im Sektionssaal stehen, machen wir einfach weiter. Egal, was kommt...“

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Literatur
Rechtsmediziner Michael Tsokos.

Beim 7. Hamburger Krimifestival dreht sich wieder alles um Mord und Totschlag. Namhafte Krimiautoren, darunter Andrea Maria Schenkel, Michael Tsokos, Anne Holt und die Schweden Ann Rosman, Kristina Ohlsson sowie das Duo Hjorth und Rosenfeldt stellen vom 29. Oktober bis 2. November ihre neuesten Bücher auf Kampnagel vor.

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