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Die Sehnsucht nach Licht

Mika Kaurismäki Die Sehnsucht nach Licht

Mika Kaurismäki hat alle Genres ausprobiert, in den Achtzigern mit Bruder Aki das finnische Autorenkino gegründet, Komödien gedreht wie L.A. Without a Map, Roadmovies wie Honey Baby und Musikfilme wie das Miriam-Makeba-Porträt Mama Africa. Bei den Nordischen Filmtagen stellt er jetzt seinen aktuellen Film The Girl King über Königin Kristina von Schweden (1628-1689) vor. Dazu ein Gespräch.

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Erst vor wenigen Tagen stellten Mika Kaurismäki und Hauptdarstellerin Malin Buska „The Girl King“ beim Filmfest im spanischen Valladolid vor.

Quelle: Nacho Gallego

Lübeck. Ihre Filme wurzeln meist in der Gegenwart. Mit „The Girl King“ haben Sie aber nun einen echten Kostümfilm gedreht.

Ja, Kostümfilm ist wirklich nicht so mein Ding. Man hat mich aber schon vor 15 Jahren gefragt, ob ich an dem Stoff interessiert wäre. War ich. Über Kristina wusste ich schon eine Menge, und außerdem war sie als schwedische Königin im 17. Jahrhundert auch Königin von Finnland.

Was hat Sie an dieser historischen Persönlichkeit gereizt?

Naja, sie ist mit fünf Jahren Königin geworden, wurde als Junge erzogen, hat mit 20 den 30-jährigen Krieg beendet und mit dem Westfälischen Frieden die Grundlage für das moderne Europa gelegt. Und sie ist mit 28 praktisch aus ihrem Amt geflohen – hat einfach ihren Cousin als Thronfolger installiert und ist nach Rom gegangen und zum Katholizismus übergetreten. Keine ganz normale Lebensgeschichte!

Sie zeichnen im Film das Bild eines wissbegierigen, eigenwilligen Charakters …

Kristina war schon eine komplizierte Persönlichkeit, eigentlich ziemlich modern. Insofern habe ich The Girl King auch nicht in erster Linie als Kostümfilm gesehen, sondern eher als psychologische Geschichte. Für mich ist das eine Figur, die bis heute aktuell ist. Auch heute gibt es religiöse Auseinandersetzungen, fragen sich die jungen Leute: Wo gehöre ich hin? Was will ich mit meinem Leben machen?

Wieviel haben Sie zu der historischen Realität hinzuerfunden?

Eigentlich ist alles wahr und recherchiert. Reichskanzler Axel Oxenstierna war für Kristina die Vaterfigur. Die Verbindung zu Descartes war wichtig für die Lernbegierige. Auch die Liebesgeschichte Kristinas und ihrer Kammerzofe ist belegt. Schon Greta Garbo hätte diese Geschichte gern in dem 1933 gedrehten Film gehabt. Für Hollywood war das wohl zu früh.

Die Bilder in Ihrem Film wirken sehr sorgfältig arrangiert, erinnern an den Stil alter Meister. Wie ist die Ästhetik entstanden?

Ich habe viel mit Kameramann Guy Dufaux über Malerei geredet. Er ist selbst Maler, und so haben wir uns an Caravaggio und seinem Umgang mit Licht orientiert. Aber auch an Rembrandt. Die Szene in der Anatomie zum Beispiel – die geht auf ein sehr bekanntes Bild von Rembrandt zurück.

Das ist ein Königsdrama, das ohne Glamour auskommt?

Ja, mir war so eine nordische Askese wichtig. Die Kälte der Farben, das Fahle. Und das Schloss ist auch kein Versailles. So war man in Schweden nicht, selbst am Königshof lebte man vergleichsweise einfach.

In „The Girl King“ können Sie sich auf eine starke Hauptdarstellerin verlassen?

Ich habe immer gern Schauspielerfilme gemacht. Und Malin Buska ist eine starke Persönlichkeit – außerdem ist ihr zweiter Name Kristina – nach der Königin, ihre Großmutter wollte das so. Sie musste diese Rolle also einfach spielen.

Sie selbst leben seit über 20 Jahren in Brasilien. Haben Sie noch einen Draht zu den skandinavischen Themen?

O ja. Ich bin oft in Europa, habe eine Wohnung und mein Büro in Helsinki und bin drei Monate im Jahr mit der ganzen Familie dort. Und ich fliege bestimmt 30 mal im Jahr über den Atlantik.

Was mögen Sie an Brasilien?

Brasilien ist über die Jahre irgendwie Zuhause geworden, während mir Finnland heute eher exotisch erscheint. Die Distanz schärft den Blick. Aber ich mag beides, diese extremen Gegensätze.

Und was fehlt Ihnen in Brasilien?

Der finnische Sommer! Die weißen Nächte. Die Sehnsucht nach Licht steckt in den Genen. Wenn ich im Juni, Juli nicht in Finnland bin, werde ich krank. In Brasilien wohne ich ziemlich nah am Äquator – und da wird es jeden Tag um sechs dunkel. Ich bin halt immer noch ein Finne.

Sie sind also selbst ein rastloser Reisender. Kommt daher Ihre Liebe zum Roadmovie?

Roadmovies sind schon meine Lieblingsfilme. Weil ich gern die Landschaft studiere, gucke, was die Natur mit dem Menschen macht. Ich mag das Gefühl, dass man unterwegs ist. Man denkt anders, sieht anders. Die Bilder bewegen sich mit dem Film im Roadmovie, das hat seine eigenen Gesetze.

Aus Ihrem Frühwerk laufen „Die Wertlosen“ und „Rosso“ jetzt bei den Filmtagen in der Retrospektive. Können Sie damit noch etwas anfangen?

Auf jeden Fall – sie sind einfach Teil meines Lebens. Die Wertlosen war mein erster Film – in Finnland ist das ein Klassiker, der Beginn der Kaurismäki-Filme. Und es gefällt mir, dass er jetzt in Lübeck läuft.

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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