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Harlekin und Märchenduft

András Schiff SHMF-Programmspektrum Harlekin und Märchenduft

Ein erstaunliches Phänomen: Sir András Schiff, Schwerpunktkünstler des aktuellen Festivalsommers, übertrifft seine weltumarmenden Vorgänger Sol Gabetta und Martin Grubinger, was die Schattierungen seines SHMF-Engagements angeht.

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Schumanns Spätwerk betörend auf die Bühne gebracht: Pianist András Schiff mit Sopranistin Anna Lucia Richter im Lübecker Theater.

Quelle: Axel Nickolaus

Lübeck/Husum. Der so in sich gekehrt wirkende Pianist mit dem extrem hohen künstlerischen Anspruch überraschte nicht nur als charismatischer Erklärer der Bachschen Goldberg-Variationen in Flensburg und als Liedpartner auf einem historischen Instrument in Rellingen, er wird auch noch als Dirigent, Sonaten-Interpret und Kammermusiker in Erscheinung treten. Mittendrin aber faszinierte er am Wochenende als auratischer Mitgestalter von späten Chormusik-Raritäten Robert Schumanns und sogar als halbszenischer Komplize des Salzburger Marionettentheaters.

 Schiff bewies auf der Vorbühne des gut geeigneten Lübecker Theaters, welch enorme Qualitäten, welch betörend feinsinniger Sog in den unterschätzten Spätwerken Requiem für Mignon und Der Rose Pilgerfahrt schlummern. Trauerflor und Märchenduft leuchteten in Pastell gemalt im Klavierpart fabelhaft auf.

 Außerdem hatte er im Deutschen Kammerchor ein geradezu umwerfend gutes Vokalensemble zu unterfüttern. Einstudiert von dem in der Szene vielgepriesenen Michael Alber und vor Ort sehr präzise animiert von Heinz Holliger lieferten die 18 Sänger eine Lehrstunde in Sachen Diktion und Intonation. Da schwang sich jeder Akkord in Schumanns feinem Gewebe kristallklar ein und aus, wurden Konsonanten von allen perfekt abgesprochen und alle Vokale ebenmäßig gefärbt. Warum das möglich war, hörte man in den von Choristen sekundierten Soli. Die größeren Partien waren vor allem in Sopran (blühend lyrisch klagend und schwärmend: Anna Lucia Richter) und Tenor (minutiös ausdrucksintensiv: Werner Güra) entsprechend seidenweich besetzt, während Britta Schwarz herbere und Robert Holl grenzwertig stumpfe Töne beisteuerten.

 Gleich am nächsten Abend das Umschalten auf Bühne: Schiff wirkte im Husumer Kongresszentrum sogar selber als Marionette mit, indem er sich aus dem Sekundenschlaf über der Klaviertastatur per Riesenschlüssel aufziehen und damit -wecken ließ. Dann begleitete er vom Flügel aus eine wirklich amüsante Harlekinade, die die Salzburger Könner als aktive Mit- und Marionettenspieler zu Debussys selten gehörtem Ballett Die Spielzeugschachtel mit lauter Trickkisten in Szene setzten.

 Vor der Pause hatte Schiff solistisch Schumanns raffinierten, manuell sehr fordernden Papillons flattern lassen und mit Childrens Corner auffällig pointiert vorgeführt, dass Debussy manchmal tatsächlich der gemäßigten Moderne eines Erik Satie näher steht als nebulösen Impressionismen. Solch großer Tastenkunst folgte die Transformation der Papillons als genau getimte Bühnenmusik zu einer Zwei-Seelen-in-einer-Brust-Pantomime der Fädenzieher aus Österreich.

 Nächste Konzert mit András Schiff (Klaviersonaten) am 8. August in Büdelsdorf. www.shmf.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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