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Theater aus der Tüte

Monodrama Festival Thespis Theater aus der Tüte

Ein Wechselbad der Gefühle bescherte dem Thespis-Publikum ein mit vier Vorstellungen reich bestückter Sonntag. Leicht und fröhlich ging es am Mittag los im gut besuchten Kulturforum.

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Ein künstlerisches Schwergewicht: die Japanerin Nozomi Satomi im Clinch mit der Tasche.

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. A Life in My Bag nennt Nozomi Satomi ihre Performance, die pantomimische Versatzstücke mit Elementen des traditionellen japanischen Theaters vereint. Die zierliche Japanerin, die sich am Ende ihres bildmächtigen Auftritts zusammengekauert in einer Papiertüte von der Bühne tragen lässt, ist ein künstlerisches Schwergewicht; 2006 wurde sie bei Thespis mit dem ersten Preis der Jury ausgezeichnet. Musikalisch begleitet von Joji Takahashi, der mit Klangschalen und anderen archaisch anmutenden Instrumenten eine meditative Atmosphäre zaubert, setzt sie mit ihrem Spiel zwischen Auftauchen und Verschwinden ein komödiantisches Glanzlicht. Hut, Mantel und Pumps streift sie schnell ab und krabbelt in eine überdimensionale weiße Tüte, die sie fortan zum Leben erweckt. Als gesichtsloses Wesen in formloser Gestalt windet, knautscht und knüllt sie sich geräuschvoll knisternd auf der komplett schwarz gehaltenen Bühne, witternd wie ein Untier kauert sie am Boden. Ausdrucksvoll ist die Gestik ihrer flirrenden Hände und Arme in der nächsten Szene, wenn sie ihren Kopf unter einer scheinbar selbstbestimmt agierenden, aggressiven Geschenktüte verschwinden lässt. Unterstützung holt sich Satomi hier von zwei verdutzten Zuschauern, die sie zur allgemeinen Erheiterung in maunzender Unsprache zum Mitspielen animiert. Großartig!

 Ganz andere Töne schlägt Agnesa Shanazaryan an. Sie ist Eine unter allen, eine Frau, die vergeblich nach einem Mann Ausschau hält und aus Frust politisch aktiv wird. Im Werftpark-Theater wendet sie sich direkt ans Publikum und klaubt dabei diverse Kostüme aus ramponierten Kartons, die auf der Bühne verteilt sind. Während sie ihre Träume von einem Leben auf der Bühne beschwört, flirtet die Armenierin mit einem imaginären Gegenüber, scharwenzelt, spitzt die Lippen in Erwartung des erlösenden Kusses – und wird in ihrer Erinnerung immer wieder zurückgeholt von einer Realität, die geprägt ist von politischen Krisen nach überstandenem Krieg. Musikalische Einblendungen intensivieren ihr eindringliches, körperbetontes Spiel, dessen Feinheiten in der fremden Sprache jedoch leider verloren gehen.

 Mateusz Nowak hat es vor weitgehend sprachkundigem Publikum im gut besuchten Studio leichter. In der mehrfach ausgezeichneten Produktion Von vorne und von hinten nach dem Skandalroman von Karol Zbyszewski, der die politischen Wirren im Polen des 18. Jahrhunderts satirisch aufs Korn nimmt, legte der Pole einen schrillen Auftritt hin, der mit frenetischem Applaus belohnt wird. Bizarr gewandet im üppig gepolsterten Kleid einer Edeldame erscheint er als androgynes Wesen mit grellrot geschminkten Lippen – in den Händen den Text als lose Blattsammlung, die er im Laufe des Spiels faltet, knüllt oder zu Boden flattern lässt. In skandierendem Sprechgesang schreiend, staatstragend deklamierend oder ganz einfach erzählend, marschiert er durch 50 Jahre polnischer Geschichte und füllt mit der enormen Präsenz seines expressiven Spiels den Saal.

 „Wollen wir tanzen?“ fragt Yoav Bartel wenig später in der Pumpe und meint das bitter ernst. Das Publikum erklärt er zu Teilnehmern eines Kurses für israelische Volkstänze, lässt einen Kanon singen, Fähnchen schwenken und rekrutiert mit der strengen Munterkeit eines professionellen Tanzlehrers beinhart seine „Freiwilligen“. Beim Einstudieren leichter Schrittfolgen fallen ihm Geschichten aus seiner Armeezeit ein – und plötzlich ist Schluss mit lustig, wenn die Grenze zwischen dem Schauspieler und seiner Rolle verschwimmt und er mit tränenerstickter Stimme von Demütigung und Gewalt erzählt, die seine Figur selbst ausgeübt und erfahren hat. Unendlich verloren wirkt er da im grellen Lichtkegel – bis er sich wieder fängt und die willigen Zuschauer mit einem versöhnlichen Gemeinschaftstänzchen in den späten Sonntagabend entlässt.

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