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Festival von Format

Musikfestivals Festival von Format

Mit Schostakowitschs großer 10. Sinfonie ging am Wochenende in Wismars Georgenkirche das mit drei Monaten längste der großen sommerlichen Musikfestivals in Deutschland zu Ende. Keine leichte Kost unter schwierigen akustischen Bedingungen. Überhaupt wird es den Besuchern der Festspiele Mecklenburg- Vorpommern nicht immer nur leicht gemacht.

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Grandiose Atmosphäre, schwierige Akustik: In der Georgenkirche in Wismar wurden die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern beendet.

Quelle: Monika Lawrenz

Schwerin. Dennoch gab es in der Hansestadt Ovationen für den fantastischen venezolanischen Dirigenten Rafael Payare und das NDR-Sinfonieorchester. Und dennoch gibt es im Nordosten, wie zuvor schon beim SHMF, Rekordergebnisse zu verkünden. Das Publikum im Nachbarland will gefordert werden. Das hat etwas mit neuen Angeboten und spannenden Vermittlungsformaten zu tun. Und auch mit Vertrauen.

 Wie Christian Kuhnt in Schleswig-Holstein hat auch Markus Fein in Mecklenburg-Vorpommern dieses Vertrauen bereits in seinem zweiten Intendantenjahr auf- und ausgebaut. Und damit den Erfolg der vor 25 Jahren gegründeten Festspiele: 75000 Besucher, Platzauslastung 93 Prozent: 100 der 124 Veranstaltungen waren ausverkauft – ob nun in der beeindruckenden Konzertkirche Neubrandenburgs, auf dem Landgestüt in Redefin oder auf der Seebrücke in Sellin. Man ist im Nachbarland, letztlich auch aus ursprünglicher Raum-Not heraus, noch einfallsreicher, was neue Orte jenseits musikalisch bereits „etablierter“ Scheunen und Schlösser angeht. So tönte es diesmal auch in einer Schiffspropeller-Produktionshalle, in der ehemaligen KdF-Anlage Prora ... und sogar im Rettungsturm am Strand von Binz. „Unerhörte Orte“: Das frische Motto des Jubiläumssommers wurde rege erhört – wie ja auch im 30. SHMF-Jahr neue, charmante Spielorte stark nachgefragt waren.

 Markus Fein freut sich, „dass nicht nur unser Festival, sondern auch unser Publikum neugierig geblieben ist, wie am ersten Tag“. Er nutzt das aus und erweitert das Musikangebot durch spannende Begleitprogramme. Landpartien etwa, die junge Elite oder ein dreitägiges Festival, in dem Nils Mönkemeyer die Facetten der Bratsche „360 Grad“ beleuchtet. Ein „Pavillon der Jahrhunderte“ widmete sich als genreübergreifendes Kultur-Panorama ebenfalls drei Tage lang einmal dem Jahr 1808, ein anderes Mal der Zukunft: Ganz oder gar nicht – die Zuschauer zogen mit. Auch wenn mit dem Thema Zukunft schräge Töne und abseitige Gedanken verbunden waren.

 Natürlich bietet Fein in Mecklenburg-Vorpommern neben vielversprechenden, jungen Preisträgern auch große, etablierte Namen. Gefühlt noch stärker als beim SHMF verankert er darüber hinaus im Land ein ganz individuelles Festspielprofil. Um neuen Ideen und Formaten noch mehr Raum zu geben, wurde in der Schweriner Intendanz die Programmplanung gerade von zwei auf vier Personen aufgestockt: Man ruht sich nicht aus auf dem Erfolg, entwickelt munter Initiativen, die den Festspielen zugleich Seele und Format geben. Auch wenn wir unser SHMF haben, lohnt ein neugieriger Blick ins Nachbarland. Zumal es auch für die Akustik in Wismars backsteingotischer Georgenkirche unerhörte Perspektiven gibt.

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Ein Artikel von
Konrad Bockemühl
Ressortleiter Kulturredaktion

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