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Berlioz' wandernde Viola

NDR Sinfonieorchester im Kieler Schloss Berlioz' wandernde Viola

Den Namen Robin Ticciati darf die Musikwelt sich merken. Der 1983 in London geborene Senkrechtstarter bestätigt am Sonnabend im Kieler Schloss, warum ihn die im Kieler Schloss gastierenden NDR-Sinfoniker Hamburg gerne ans Pult lassen.

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Kiel. Den Namen Robin Ticciati darf die Musikwelt sich merken. Der 1983 in London geborene Senkrechtstarter bestätigt am Sonnabend im Kieler Schloss, warum ihn international Ausschau haltende Oberklasseorchester wie die bei Streiber gastierenden NDR-Sinfoniker Hamburg gerne ans Pult lassen und warum der smarte Brite Chef beim Scottish Chamber Orchestra, in Glyndebourne und ab 2017 auch beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin ist.

Dass auch ein charismatischer Jungstar nicht darauf zählen kann, dass alle Musiker ihm sofort konzentriert folgen, zeigt das rhythmische Gewackel zu Beginn von Wagners heikler Meistersinger-Ouvertüre. Aber sehr bald setzt sich dann ein ebenso sportlich straffer wie durchsichtiger und singend fließender Tonfall im Kollektiv durch.

Davon profitiert vor allem die Rarität im Programm: Hector Berlioz’ Harold in Italien, wenige Jahre nach Beethovens Tod innovativ zwischen Symphonie, Tondichtung und Bratschenkonzert changierend, kommt nicht wie üblich als romantisch raunendes Melancholie-Gejammer, sondern als frische, Offenbach nahestehende Idee voller genialischer Instrumentationseffekte daher.

Ein Coup gelingt Ticciati, indem er eine eigenwillige Partituranweisung des Komponisten umdeutet: „Der Interpret muss auf dem Proszenium platziert werden, in der Nähe des Publikums und abgelegen vom Orchester.“ Der wirklich exquisite französische Solist Antoine Tamestit wandert mit seiner hinreißend klar tönenden Stradivari-Viola durchs Orchester wie Lord Byrons und Berlioz’ Stellvertreter Harold durch die Abruzzen. Hier ein flüsterleises Tête-à-tête mit der Harfe, dort ein Schulterschluss mit der Oboe; mittendrin ein beschwörend geisterhaftes Rosenkranz-Abendgebet mit Minimal-Music-Arpeggien über alle Bratschensaiten; schließlich Flucht und Wiederkehr des Helden aus der Erinnerung .... Faszinierend! Tamestit bedankt sich für Bravi und Beifallsrausch mit innig aufgeklärtem Bach als Zugabe.

Die britische Fachpresse geizte nicht mit Lob und Preisen für Ticciatis schottische CD-Einspielung aller Schumann-Symphonien bei Linn Records. Die Kieler Wiederauflage der „Rheinischen“ Es-Dur-Symphonie op. 97 bestätigt das vor allem in den schnelleren Sätzen und Passagen: im strudelnden Sog der Scherzo-Flussfahrt, im fein austarierten Intermezzo des dritten Satzes und im hochfliegend euphorischen Karneval-Finale. Den schattigen Gegenbildern im Kopfsatz und dem zu laut und un-„feierlich“ begonnenen Besuch im pianissimo und mit Hall-Effekten nachgemalten Kölner Dom mangelt es zunächst etwas an Geheimnis. Doch auch dafür, das spürt man gegen Ende des vorletzten Satzes, hätte Ticciati eigentlich das Zeug.

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